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Video-Filmkritik : Diesen braven Petzer hat Obama voll verdient

Bild: Piffl

Laura Poitras’ Dokumentarfilm „Citizenfour“ über Edward Snowden ist das Gegenteil eines Thrillers - und eben deshalb so wahr. Manchmal lebt der Film geradezu von seinem Humor.

          3 Min.

          Das Aufdecken von verborgenem Unrecht ist eine todernste Arbeit. Die journalistische Begleitung dieser Arbeit quiekt auch nicht gerade vor Vergnügen. Der Film „Citizenfour“ von Laura Poitras will daher nicht belacht werden. Er beobachtet - nach einer halben Stunde erläuternder Hinführung zum Thema - den weltberühmten Unrechtsaufdecker Edward Snowden im Hotelzimmer in Hongkong, während jener mehr oder weniger, das heißt vermittelt über allerlei Technik, miterlebt, wie draußen in der Wirklichkeit seine Enthüllungen über die Überwachungsschweinereien des Geheimdiensts NSA in allen Weltmedien zünden. Der Film ist ernst, trocken, beflissen, ja wacker.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir hören eine leicht melancholische Frauenstimme, die Fakten vorliest, über die sich niemand freuen kann, wir sehen eine Kamera durch einen Tunnel fahren, weil engagierte Neugier durch viel Finsternis zum Licht strebt, und vor einer Baustelle, auf der nach Angaben informierter Bedenkenträger eine neue Zwingburg der Bespitzelungsbranche errichtet wird, flimmert die Hitze.

          Ernst, trocken, beflissen: Edward Snowden und Glenn Greenwald in Laura Poitras’ Film

          Kriegt der Kameramensch in dieser Glut wenigstens ein kühles Bierchen? Bietet man dann den Bauarbeitern auch eins an? Nichts da. Gemahnt wird. Gewarnt wird. Und gleich gibt’s wieder blubbernde, klickende und knackende Musik von Trent Reznor und Atticus Ross, die in einem Fernsehbericht über zweifelhafte Zuckerzusätze in Milchprodukten für Schulkinder bestimmt für viel kritische Atmosphäre sorgen würde - aber warum braucht ein Film so was, der von tatsächlich hochgefährlichen, komplizierten und wichtigen Dingen handelt?

          Unbewusst schnüffelt sich's besser

          Zum Glück steht derlei handwerklich unbeholfenem Mumpitz in „Citizenfour“ eine Reihe von Szenen gegenüber, in denen eben nicht tief geschürft, schwer gefühlt und kritisch hinterfragt wird, sondern Leute dabei beobachtet werden können, wie sie für einen Augenblick ihren Platz auf der Welt aus den Augen verlieren und verunsichert sind von der Tragweite der Ereignisse, die sie auslösen oder die ihnen zugemutet werden. Snowden, in aller Stille, wie seine Finger auf dem Keyboard herumklackern, während die Klimaanlage ihren schlaflosen ewigen Atemzug ins Entnervende verlängert. Journalisten vom „Guardian“, wie sie auf Regierungsbefehl Daten vernichten müssen. Der Reporter Glenn Greenwald von derselben Zeitung, der seinen Liebsten am Flughafen in Empfang nimmt, nachdem eine Macht ohne Gesicht ihn schikaniert hat. Ein mit allen Wassern gewaschener hauptberuflicher Heimlichtuer, der plötzlich vor demokratisch gewählten Aufsichtspersonen offenlegen soll, was er da eigentlich dauernd im Zwielicht treibt, und dem auf die Frage, ob denn wirklich so viel geschnüffelt werde, nur die stumpfe Unverschämtheit einfällt: „not wittingly“, zu Deutsch: Falls wir so was machen, dann jedenfalls nicht bewusst.

          Das ist grotesk, und man versteht den alten Richter, dem ein Anwalt der Macht eben erklärt hat, niemand könne gegen ein Unrecht klagen, wenn es alle betrifft - er fragt, aufrichtig verdutzt, was so ein Handlanger des Bösen denn dann Leuten wie ihm empfehlen würde, „just step aside“ vielleicht, auf Rechtsprechung künftig einfach verzichten?

          Barack Obamas Schönrednerei

          Der Mann hat Humor - und im richtigen Blickwinkel ist Gerechtigkeit ja wirklich das Allerlustigste. Man betrachte nur die jüngste Zeitgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika: Da wählt eine Bevölkerung einen kompletten Blödmann namens George W. Bush zum Generalbevollmächtigten folgenreichster Weltmachtpolitik. Der Trottel eckt sofort überall an und schlägt vom System internationaler Beziehungen über den heimischen Immobilienmarkt bis zum globalen Kreditzyklus alles kaputt, was zerbrechlicher ist als sein texanischer Sturschädel.

          Nachdem seine Amtszeit inklusive Wiederwahl endlich abgelaufen ist, wird den Landsleuten bewusst, dass die Restmenschheit ihnen möglicherweise schwere Strafen für die Taten des Idioten und seiner Spießgesellen auferlegen könnte. Also versuchen sie’s mit einem Ausweichmanöver und wählen einen Besserwisser, der sofort anfängt, lange Vorträge darüber zu halten, dass man zwar die mächtigste Nation auf dem Erdball sei, sich aber in Zukunft nicht mehr über eigene oder mit anderen Staaten vereinbarte Gesetze hinwegsetzen werde, sobald diese unbequem würden („Citizenfour“ zeigt den Schönschwätzer Barack Obama, wie er diese politische Pathosperle vor Publikum poliert).

          Das Leben ist eben kein Thriller

          Aber was macht die Gerechtigkeit? Sie schickt einen, der es noch besser weiß als der Besserwisser - und das der ganzen Welt erzählt: Edward Snowden, der auf die alleroffensichtlichsten menschlichen Fragen nach seiner Familie, nach seinem persönlichen Schicksal, nach den Gefahren, denen er sich aussetzt, indem er das Regime des Gemeinschaftskunde-Strebers im Weißen Haus bei der Weltöffentlichkeit verpetzt, genau wie Obama selbst nichts zu sagen hat als seelenlose Demokraten-Hippiephrasen: „I feel good in my human experience“, wenn ich einen Beitrag zur öffentlichen Wachsamkeit und Wohlfahrt leisten kann.

          Wer also dachte, es ginge bei der ganzen Schnüffelentlarvung um einen epischen Kampf zwischen Individualität und anonymen Gruselmaschinen, muss lernen, dass das Leben kein Thriller ist und dieser Edward Snowden kein faszinierender, in die Freiheit verliebter, verschrobener Charakter mit nachvollziehbaren offensichtlichen Schwächen wie Jähzorn oder Geltungssucht, sondern eine nette graue Maus, die auf ihre neue soziale Rolle als Staatsfeind Nummer eins mit minimalem Appetitverlust und leichter Gereiztheit bei unangekündigtem Feueralarm im Hotel reagiert, weil unerwartete Störungen seine Stegreif-Seminare über den organisationssoziologischen Binnenaufbau von Geheimdiensten oder über Festplattensicherung beeinträchtigen. Der Mann sieht aus wie ein Schwiegersohn, denkt wie ein „Zeit“-Leitartikel über Verwaltungsethik und war zur falschen Zeit am richtigen Ort. So lustig ist Gerechtigkeit.

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