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Video-Filmkritik : Wie Gummifiguren, na und?

Moderne Version der markanten Mondgesichter

Nicht für diese Abstinenz in einer nationalen Gewissensfrage glaubte sich Schulz jedoch im Interview rechtfertigen zu müssen, sondern für die Gummifiguren - und zwar gegenüber einem Kollegen und Bewunderer, den viele Leser für seinen einzigen legitimen Nachfolger halten. Bill Watterson, der Schöpfer von „Calvin und Hobbes“, hatte 1989 in einer Rede vor Kollegen Comiczeichner kritisiert, die der kommerziellen Reproduzierbarkeit ihrer Figuren zuliebe die künstlerische Integrität ihrer kleinen Welten kompromittiert hätten. Schulz nannte Wattersons Kritik lächerlich, obwohl dieser die Konsequenz bewiesen hatte, sich 1995 auf dem Höhepunkt seiner Popularität komplett aus dem Geschäft zurückzuziehen. Für Schulz gab es kein Leben nach dem Werk: Er starb am Abend des 12. Februar 2000, am Tag vor dem Abdruck der allerletzten, Monate vorher fertiggestellten „Peanuts“-Seite in den Sonntagszeitungen.

Fünfzehn Jahre nach seinem Tod kommt nun ein Trickfilm in die Kinos, dessen Drehbuch maßgeblich sein Sohn Craig Schulz und sein Enkel Bryan Schulz geschrieben haben. Die Hauptpersonen sehen aus wie Gummifiguren. Und was ist so schlimm daran? Nichts, denn just durch diese Anmutung von Versandhauskatalog und Badezimmersims hält der Film der Integrität des Schaffens von Charles M. Schulz die Treue. Diese großen rundköpfigen Kinder (um Snoopys Namen für sein Herrchen Charlie Brown auf die Gattung zu übertragen) geben gar nicht vor, Menschen aus Fleisch und Blut zu sein. Die Virtuosen der Computeranimation aus den Blue Sky Studios, der Heimat der „Ice Age“-Filme, verzichten scheinbar auf den Griff in die Zaubertrickkiste. Wie Kunststoff wirft die Haut der Figuren das Licht zurück, die Oberfläche wirkt porös und robust. Subtil ist die Schattenregie: Die markanten Ausbuchtungen dieser Mondgesichtslandschaften, Nasen und Ohren, akzentuieren eine Dreidimensionalität, die ersichtlich entworfen und nicht abfotografiert ist, ein Ergebnis von Design.

In der Tradition der Comicstrips

So entsteht die Illusion eines haptischen Reizes. Man möchte nach den Figuren greifen und weiß doch, dass man ihnen durch kein Zerren oder Quetschen etwas anhaben könnte, weil sie immer in ihre vorgefertigte Form zurückkehren würden. Durch diese Künstlichkeit gibt sich der Film zu erkennen als eines der Nebenprodukte, die immer schon eine Parallelwelt zum Universum des Strips gebildet haben. In dieser Zweitwelt dürfen die Geschichten gut ausgehen. Das galt schon für die in Amerika ungeheuer beliebten Fernsehzeichentrickfilme von Bill Melendez und gilt nun hier für die Liebesgeschichte zwischen Charlie Brown und dem kleinen rothaarigen Mädchen, die den Rahmen für eine wunderbare Serie klassischer Situationen aus dem Repertoire des Strips bildet. Schulz konnte über Wattersons Verratsvorwurf nur lachen, weil er seine Figuren auch in ihrem zweiten Leben nicht aus seiner künstlerischen Kontrolle entließ. Persönlich genehmigte er alle Entwürfe.

Der Film ist für Kinder gemacht. Man sieht dieser Welt an, dass sie heiler ist als die der Vorlage: Gummifiguren sind eben unverwüstlich. Die Bosheit Lucys, die Daseinsangst von Linus werden nur angedeutet. Aber in kindgerechter Diskretion ist die Grundstimmung panischer Unruhe jederzeit gegenwärtig durch einen grafischen Einfall, den man genial nennen kann: Auf die Gummiköpfe werden die Gesichter gezeichnet, und zwar andauernd neu gezeichnet, in den vertrauten Kürzeln der flackernden Augenpunkte und der gekräuselten Stirn. So scheint Charles M. Schulz das Werk seiner Erben zu signieren.

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