https://www.faz.net/-gs6-nouv

Video-Filmkritik : Die Kunst der Andeutung: „Naokos Lächeln“

Bild: Pandora

Der vietnamesische Regisseur Tran Anh Hung bringt Haruki Murakamis Roman „Naokos Lächeln“ 24 Jahre nach seinem Erscheinen bravourös auf die Leinwand.

          Wie verfilmt man einen Roman? Mit Respekt und Selbstbewusstein. Mit Respekt, weil ein Kunstwerk durch ein anderes nicht beschädigt werden sollte. Mit Selbstbewusstsein, weil sonst das andere Kunstwerk gar nicht erst entstünde.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Naokos Lächeln“ ist ein Kunstwerk - als Roman von Haruki Murakami genauso wie jetzt als Verfilmung von Tran Anh Hung. Damit ist das Wesentliche über Trans Film gesagt. Und doch natürlich noch nichts, weil diese Behauptung eine Begründung braucht. Und weil man nicht erwarten darf, dass alle Kinobesucher die Romanvorlage kennen. Denn das ist ja eines der seltsamsten Phänomene: auf wie viel mehr Aufmerksamkeit selbst der erfolgreichste Romanstoff rechnen darf, wenn er verfilmt im Kino oder im Fernsehen läuft. Und das gilt auch für Murakamis 1987 im japanischen Original erschienenen Bestseller, der sich bis heute rund um die Welt dreizehn Millionen Mal verkauft hat.

          Mit „Naokos Lächeln“ beginnt die Karriere Murakamis als erfolgreichster Gegenwartsautor seines Landes: Mehr als zehn Millionen Exemplare haben in Japan selbst ihre Käufer gefunden. Deshalb müsste man meinen, dass dieses Buch längst hätte verfilmt sein sollen, und zwar in Japan, einem Land, das eine der größten Filmproduktionen weltweit aufweist. Doch gefehlt. Murakami hatte sich jahrzehntelang allen diesbezüglichen Ansinnen verweigert.

          Murakamis Roman überlebensgroß im Kinosaal

          Zu klein für die große Leinwand schien ihm seine Geschichte um die Faszination des jungen Germanistikstudenten Toru zu der ein paar Monate älteren Naoko, die vom Sandkasten an mit Torus besten Freund liiert war, bis dieser sich aus unerfindlichen Gründen umbrachte. Erst 1968, Jahre nach diesem Freitod, finden die beiden Zurückgelassenen zusammen, doch sie stehen weiter im Schatten des Todes, und den kann selbst die lebenslustige Midori, in die sich Toru auch noch verliebt, nicht vertreiben.

          Dieses Kammerliebesspiel, das im Original „Norwegian Wood“ heißt - nach dem gleichnamigen Beatles-Lied, für das Naoko schwärmt, aber auch als Verweis auf den Wald, der eine wichtige Rolle im Buch spielt -, ist ein idealer Stoff für einen so fein ziselierenden Autor wie Murakami. Aber wie wirkte es überlebensgroß im Kinosaal?

          Tran überführt den Roman in ein Drehbuch

          Es wirkt hervorragend, denn der 1962 in Laos geborene, aber seit 1975 in Frankreich lebende Regisseur Tran Anh Hung hat das literarische Verfahren Murakamis auf seinen Film übertragen, ohne dass er die spezifischen Ausdrucksformen seines Kinos aufgegeben hätte. Sein Debüt, „Der Duft der grünen Papaya“ von 1993, wie auch der zwei Jahre später entstandene „Cyclo“ (F.A.Z. vom 26. Juni 2007: „Vergessenes Vietnam“) wurden für ihre schwelgerische Farbpracht und die Melancholie gelobt, die den gesellschaftlichen Umbrüchen in Indochina, von denen beide Filme erzählen, einen Rahmen gaben, in dem sich dann ganz kleine private Geschichten entfalten konnten.

          Genauso hat Tran auch Murakamis Roman in ein Drehbuch überführt: Aus nur wenigen Erwähnungen der Studentenunruhen, die zur Handlungszeit Tokio erschütterten, macht Tran in der ersten Viertelstunde seines Films eine wichtige Grundströmung. Einmal gerät Toru, der sich für nichts Politisches interessiert, auf der Straße in einen Demonstrationszug und wird von dessen Schwung einfach mitgerissen. Doch nichts verbindet ihn mit den Protestierenden. Ebenso verhält er sich in seinen beiden Liebesbeziehungen.

          Die Selbstzweifel der Protagonisten

          Gegen die faszinierende und beinahe überästhetisierte Akribie, mit der Tran das japanische Studentenleben der späten sechziger Jahre zwischen Wohnheim, Hörsälen und Nachtleben inszeniert, setzt der Regisseur immer wieder lange Großaufnahmen der in wechselnden Konstellationen miteinander redenden oder schweigenden Protagonisten. Es ist verblüffend, wie viel Dialog Tran aus dem Roman übernommen hat, gerade auch solche Gespräche, die sich um Sex drehen. Gleichzeitig aber verweigert sich der Film einer aggressiven Bebilderung der von Murakami durchaus explizit geschilderten Liebesakte.

          Das ist keine generelle Entscheidung gegen Voyeurismus, denn als erotisch erweisen sich hier auch Szenen, die sich oberhalb der Gürtellinie und - im Falle der Darstellerinnen - bekleidet abspielen. Es ist eine Umgewichtung des Stoffes, die der Murakami-Vorlage insofern gerecht wird, als das prinzipielle Ungleichgewicht von Lesezeit des Romans und Laufzeit des Films (der nur knapp zwei Stunden dauert) nicht noch zusätzlich verschärft wird durch eine Entpsychologisierung, die notwendige Folge eines exzessiven Liebeslebens gewesen wäre. Die Selbstzweifel von Naoko und Toru treiben den Film so voran, wie es auch im Buch der Fall ist.

          Zentral ist dabei eine minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt durch eine noch morgenfeuchte Wiesenlandschaft, in der Naoko sich in ihrer Verletzlichkeit Toru offenbart. Die Zickzackfahrt durchs Tal visualisiert perfekt die Ausweglosigkeit dieser Liebe, und wie Rinko Kikuchi, die mit „Babel“ und „Eine Karte der Klänge von Tokio“ zu einer der international bekanntesten Darstellerinnen des japanischen Kinos avanciert ist, dabei die Titelfigur Naoko spielt, ist bemerkenswert.

          Kenichi Mazuyama als Toru ist dagegen extrem passiv, was seinen Grund auch darin hat, dass Tran die Rahmenhandlung des Romans, die aus zwanzig Jahren Abstand auf die Ereignisse zurückblickt, weitgehend gestrichen und einem einzigen Off-Kommentar überlassen hat. Das macht Toru als Figur ausdrucksärmer, weil man von seiner Zukunft nichts weiß. Midori dagegen hat in der Debütantin Kiko Mizuhara eine Idealbesetzung gefunden. Dass ihre Rolle gegenüber der Buchvorlage die meisten Abstriche in psychologischer Hinsicht erdulden musste, gleicht sie durch eine Unbeschwertheit aus, die einen Akzent setzt, der im Roman fehlt: Beide jungen Frauen sind hier noch gegensätzlicher, und das tut der gerafften Filmhandlung gut.

          Die Kunst der Andeutung

          Neben der japanischen Besetzung baut Tran auf sein bewährtes Team mit dem taiwanischen Kameramann Mark Lee Ping Bin, der Ausstatterin Yen Khe Luguern (sonst auch regelmäßige Hauptdarstellerin in Trans Filmen) und dem Schnittmeister Mario Battistel. Sie sorgen zusätzlich dafür, dass „Naokos Lächeln“ als Film neben der Handschrift Murakamis auch die von Tran Anh Hung trägt.

          Und dass Jonny Greenwood von der englischen Rockgruppe Radiohead nach seiner grandiosen Filmmusik für „There Will Be Blood“ wieder einmal fürs Kino tätig wird und dabei Klangwirkungen erzielt, die kaum weniger unter die Haut gehen als Naokos und Torus Ratlosigkeit, das ist noch ein Plus eines Films, der es sich so leicht mit der Musik hätte machen können. Aber „Norwegian Wood“ erklingt nur einmal. Die Kunst der Andeutung, die Murakami in seinen Romanen zur Vollendung gebracht hat, sie ist auch hier entscheidend.

          Weitere Themen

          Ein Spiel von Lust und Lügen

          Video-Filmkritik : Ein Spiel von Lust und Lügen

          In „Zwischen den Zeilen“ erzählt der französische Regisseur Olivier Assayas eine Geschichte aus der Verlagsbranche. Es geht um Digitalisierung, MeToo, die Zukunft des Buches – und darum, wie wir mit Veränderungen im Leben umgehen.

          Topmeldungen

          Ohne Elektrizität : Massiver Stromausfall in Südamerika

          Argentinien und Uruguay sind größtenteils ohne Strom. Auch Teile Brasiliens und Chile sind betroffen. Mehr als 40 Millionen Menschen warten darauf, dass die Versorgung wiederhergestellt wird. Die Ursache für den Blackout ist noch unklar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.