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Video-Filmkritik : Die Kunst der Andeutung: „Naokos Lächeln“

Die Selbstzweifel der Protagonisten

Gegen die faszinierende und beinahe überästhetisierte Akribie, mit der Tran das japanische Studentenleben der späten sechziger Jahre zwischen Wohnheim, Hörsälen und Nachtleben inszeniert, setzt der Regisseur immer wieder lange Großaufnahmen der in wechselnden Konstellationen miteinander redenden oder schweigenden Protagonisten. Es ist verblüffend, wie viel Dialog Tran aus dem Roman übernommen hat, gerade auch solche Gespräche, die sich um Sex drehen. Gleichzeitig aber verweigert sich der Film einer aggressiven Bebilderung der von Murakami durchaus explizit geschilderten Liebesakte.

Das ist keine generelle Entscheidung gegen Voyeurismus, denn als erotisch erweisen sich hier auch Szenen, die sich oberhalb der Gürtellinie und - im Falle der Darstellerinnen - bekleidet abspielen. Es ist eine Umgewichtung des Stoffes, die der Murakami-Vorlage insofern gerecht wird, als das prinzipielle Ungleichgewicht von Lesezeit des Romans und Laufzeit des Films (der nur knapp zwei Stunden dauert) nicht noch zusätzlich verschärft wird durch eine Entpsychologisierung, die notwendige Folge eines exzessiven Liebeslebens gewesen wäre. Die Selbstzweifel von Naoko und Toru treiben den Film so voran, wie es auch im Buch der Fall ist.

Zentral ist dabei eine minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt durch eine noch morgenfeuchte Wiesenlandschaft, in der Naoko sich in ihrer Verletzlichkeit Toru offenbart. Die Zickzackfahrt durchs Tal visualisiert perfekt die Ausweglosigkeit dieser Liebe, und wie Rinko Kikuchi, die mit „Babel“ und „Eine Karte der Klänge von Tokio“ zu einer der international bekanntesten Darstellerinnen des japanischen Kinos avanciert ist, dabei die Titelfigur Naoko spielt, ist bemerkenswert.

Kenichi Mazuyama als Toru ist dagegen extrem passiv, was seinen Grund auch darin hat, dass Tran die Rahmenhandlung des Romans, die aus zwanzig Jahren Abstand auf die Ereignisse zurückblickt, weitgehend gestrichen und einem einzigen Off-Kommentar überlassen hat. Das macht Toru als Figur ausdrucksärmer, weil man von seiner Zukunft nichts weiß. Midori dagegen hat in der Debütantin Kiko Mizuhara eine Idealbesetzung gefunden. Dass ihre Rolle gegenüber der Buchvorlage die meisten Abstriche in psychologischer Hinsicht erdulden musste, gleicht sie durch eine Unbeschwertheit aus, die einen Akzent setzt, der im Roman fehlt: Beide jungen Frauen sind hier noch gegensätzlicher, und das tut der gerafften Filmhandlung gut.

Die Kunst der Andeutung

Neben der japanischen Besetzung baut Tran auf sein bewährtes Team mit dem taiwanischen Kameramann Mark Lee Ping Bin, der Ausstatterin Yen Khe Luguern (sonst auch regelmäßige Hauptdarstellerin in Trans Filmen) und dem Schnittmeister Mario Battistel. Sie sorgen zusätzlich dafür, dass „Naokos Lächeln“ als Film neben der Handschrift Murakamis auch die von Tran Anh Hung trägt.

Und dass Jonny Greenwood von der englischen Rockgruppe Radiohead nach seiner grandiosen Filmmusik für „There Will Be Blood“ wieder einmal fürs Kino tätig wird und dabei Klangwirkungen erzielt, die kaum weniger unter die Haut gehen als Naokos und Torus Ratlosigkeit, das ist noch ein Plus eines Films, der es sich so leicht mit der Musik hätte machen können. Aber „Norwegian Wood“ erklingt nur einmal. Die Kunst der Andeutung, die Murakami in seinen Romanen zur Vollendung gebracht hat, sie ist auch hier entscheidend.

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