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Video-Filmkritik : Die da oben

Bild: Sony Pictures

So böse war Jodie Foster selten: In Neil Blomkamps Science-Fiction-Film „Elysium“ spielt sie die Abwehrchefin einer Weltraumsiedlung für Reiche – und lässt sogar Asylsuchende töten.

          Das Jahr 2154 hat ein Rad ab. Es umkreist als riesige Raumstation die ökologisch verhunzte und wirtschaftlich ruinierte Erde. Seine Speichen sind aus einer unzerstörbaren Legierung von technologischer Überlegenheit und ökonomischer Macht geschmiedet. Auf dem Innenrand dieses Rades wohnen die Besitzenden, in geschmacklosen, von Lustgartenpetersilie umstandenen Villen, bestückt mit Hightech-Gesundheitskokons, in denen Leukämie oder Knochenbrüche in Minutenschnelle zunichtegemacht werden. Unten, im Dreck, aus dem wir stammen, wird gearbeitet und gehorcht. Die irdische Verwaltung ist eine Art roboterisierte Polizeifabrikwelt - „Would you like to talk to a human?“, fragt der Kontrollautomat, wenn er seine großzügigen fünf Minuten hat.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Oben, im Götterrad, das der hochnäsige Plünderergeschmack seiner Bewohner „Elysium“ getauft hat, regiert ein ethnoprogressiver Alibi-Kosmopolit, den Faran Tahir so spielt, wie linksradikale Zyniker Barack Obama sehen. Die schweren Entscheidungen (Flüchtlingsfähren abschießen, Konzernchefs in Intrigen verstricken) trifft nicht dieser unseriöse Präsident, sondern seine Sicherheits-Chefin Delacourt - eine Rolle, in der Jodie Foster sich von ihrer kältesten Seite zeigen darf: Auf ihrer Zunge, von der das arrogante Umgangsfranzösisch rollt wie ein vergifteter Schachtelsatz aus obszönen Wahlversprechen, schmilzt auch die weichste Schokolade nicht. Hätten die alten Griechen eine Göttin der Notstandsdiktatur gekannt, Phidias hätte sie aus Foster-Marmor meißeln müssen.

          Getrieben vom Überlebenswillen

          Die Gegenfigur zu Delacourt spielt Matt Damon: kahlköpfig, straff, schnoddrig, mit Ecken und Beulen, ein aus Vollkornstahl gestanzter Malocher im Metallstaub der spätmonopolistischen Militärindustrie. Ein Arbeitsunfall setzt ihn letaler radioaktiver Strahlung aus. Er hat noch fünf Tage zu leben, sieht das aber nicht ein, sondern will nach Elysium, wohin ihn die Aussicht auf eine medizinische Behandlung lockt, die nach der berühmten Formel von Arthur C. Clarke so weit fortgeschritten ist, dass sie sich von Magie nicht mehr unterscheiden lässt.

          Mit der in die Enge getriebenen wütenden Energie schierer Selbsterhaltung brennt dieser Max sich also eine Schneise durch die Schichten der dystopischen Klassentorte und strebt entschlossen aufwärts, Richtung Rettung. Eine herzensgute Krankenschwester und alleinerziehende Mutter, die er aus seiner in der Obhut katholischer Nonnen verbrachten Kindheit kennt, ihre schwerkranke Tochter, den einen oder anderen Kriminellen mit goldenem Herzen, böse Söldner und viel entrechtetes und verwahrlostes Volk trifft er unterwegs.

          Mit Blockbusterraketen in den Bombast-Orbit

          Die Perspektive, in der das alles vorgeführt wird - komplett mit klagenden Streichertönen zum Kinderblick in lichte Höhen sowie Actionszenen, die jeden Zusammenstoß von Mensch und Material als irren Proletkult-Clash genießen -, wirkt wie die paradoxe Erfindung eines hollywoodgeschulten sowjetischen Propagandafilms für heute oder die James-Cameron-Überarbeitung des „Bitterfelder Wegs“ im Sozialistischen Realismus (bloß der Traktor und ein Landkind, das Ingenieur werden will, fehlen). Denn der aus Südafrika stammende Regisseur Neill Blomkamp macht linke Filme mit beweglichem, hyperdynamisch technophilem Dekor. „District 9“ (2009) handelte von Rassismus und Xenophobie, „Elysium“ greift sich andere Missstände, um sie mit Blockbusterraketen in den Bombast-Orbit zu schießen.

          Das ist so griffig (manchmal aber eben auch: so hölzern), wie sich derlei überhaupt machen lässt - und gefällt, das kennt man schon von Brecht, am meisten da, wo es in seiner plakativen, der gemeinten Sache völlig angemessenen Stumpfheit Typengalerien generiert, die schauspielerischen Tugenden und Einfällen genug Luft lassen, sich geltend zu machen.

          Ein munterer Hackergangster

          Sehr schön führen diesen Sachverhalt in „Elysium“ die böse Frau Foster und Sharlto Copley als völlig wahnsinniger Landsknecht Kruger vor. Noch besser als diese beiden schlägt sich der hibbelige Wagner Moura als Spider: ein Hackergangster, der trotz körperlichen Handicaps auch dann noch munter weiterhackt, wenn Blut, Brandbeschleuniger und Maschinenöl ihn allseits umspritzen, weil zwei mit allerlei Cyborg-Ramsch und Abrakadabra-Steroiden zu Übermenschen aufgerüstete Muskelmonster einander an die Synthesizergurgeln gehen.

          2013 ist ein wichtiges, teils gutes, teils gruseliges Jahr für jenen Zweig der filmischen Phantastik, der „Science-Fiction“ heißt: Tom Cruise hat seine Klonierbarkeit im tapferen Selbstversuch bewiesen (“Oblivion“), Will Smith seinen Ruf mit verblüffend witzlosem Blödsinn beschädigt (“After Earth“), das Raumschiff Enterprise und der laufende Superhelden-Jahrgang sind in bester Verfassung, und fürs letzte Jahresdrittel ist die Verfilmung des hochproblematischen Genreklassikers „Ender’s Game“ angekündigt.

          Die Mobilmachung der Verlorenen

          Gehört „Elysium“ in diese Reihe? Ist das, was Blomkamp da gedreht hat, überhaupt Science-Fiction? Der bei der Arbeit verstrahlte Held wird auch unter Menschen Mitgefühl wecken, die schon vergessen haben, unter welchen Bedingungen Bodentruppen im Kernkraftwerk von Fukushima ihre Räumarbeiten leisten mussten. Die Erde als Müllkippe wird alle gruseln, die noch nichts davon gehört haben, dass ein Prozent der derzeitigen Weltbevölkerung buchstäblich im und vom Abfall der Reichen lebt. Und dass Migrationsversuche nach Elysium für einige Unglückliche mit dem Tod enden, mag selbst diejenigen entsetzen, an denen die Nachricht von den unlängst im Mittelmeer ertrunkenen mutmaßlichen Syrien-Flüchtlingen vorbeigegangen ist (die Szene, in der Jodie Foster den Tod jener Elenden anordnet, sorgte in dem amerikanischen Kleinstadtkino, in dem der Rezensent den Film gesehen hat, für ein schockiertes Atemholen bei Teenagern, die an den darauffolgenden Materialschlachten ihre helle Freude hatten). „Elysium“ ist Science-Fiction für Leute, die nicht wissen, dass sie in einer Dystopie leben, die man nicht 2154 nennt, sondern 2013.

          Das Ende ist positiv, wenn auch mit bitterer Note: Seht die Ungewaschenen rennen, sie sollen gerettet und getröstet werden - ein Bild der ebenso euphorischen wie bedrohlichen Mobilmachung der Armen, das zu den Schlüsseltableaus unserer Krisenkinozeit gehört, von den Zombiehorden in „World War Z“ bis zum Gruppentanz auf dem Damm zwischen Arm und Reich am Ende von „Beasts of the Southern Wild“.

          Die Verlorenen wimmeln, trampeln, besetzen Plätze, wehren sich. Wer weiß, vielleicht werden sie diesmal den Ausgang der Gegenwart finden, der Zukunft heißt.

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