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Video-Filmkritik : Die da oben

Das ist so griffig (manchmal aber eben auch: so hölzern), wie sich derlei überhaupt machen lässt - und gefällt, das kennt man schon von Brecht, am meisten da, wo es in seiner plakativen, der gemeinten Sache völlig angemessenen Stumpfheit Typengalerien generiert, die schauspielerischen Tugenden und Einfällen genug Luft lassen, sich geltend zu machen.

Ein munterer Hackergangster

Sehr schön führen diesen Sachverhalt in „Elysium“ die böse Frau Foster und Sharlto Copley als völlig wahnsinniger Landsknecht Kruger vor. Noch besser als diese beiden schlägt sich der hibbelige Wagner Moura als Spider: ein Hackergangster, der trotz körperlichen Handicaps auch dann noch munter weiterhackt, wenn Blut, Brandbeschleuniger und Maschinenöl ihn allseits umspritzen, weil zwei mit allerlei Cyborg-Ramsch und Abrakadabra-Steroiden zu Übermenschen aufgerüstete Muskelmonster einander an die Synthesizergurgeln gehen.

2013 ist ein wichtiges, teils gutes, teils gruseliges Jahr für jenen Zweig der filmischen Phantastik, der „Science-Fiction“ heißt: Tom Cruise hat seine Klonierbarkeit im tapferen Selbstversuch bewiesen (“Oblivion“), Will Smith seinen Ruf mit verblüffend witzlosem Blödsinn beschädigt (“After Earth“), das Raumschiff Enterprise und der laufende Superhelden-Jahrgang sind in bester Verfassung, und fürs letzte Jahresdrittel ist die Verfilmung des hochproblematischen Genreklassikers „Ender’s Game“ angekündigt.

Die Mobilmachung der Verlorenen

Gehört „Elysium“ in diese Reihe? Ist das, was Blomkamp da gedreht hat, überhaupt Science-Fiction? Der bei der Arbeit verstrahlte Held wird auch unter Menschen Mitgefühl wecken, die schon vergessen haben, unter welchen Bedingungen Bodentruppen im Kernkraftwerk von Fukushima ihre Räumarbeiten leisten mussten. Die Erde als Müllkippe wird alle gruseln, die noch nichts davon gehört haben, dass ein Prozent der derzeitigen Weltbevölkerung buchstäblich im und vom Abfall der Reichen lebt. Und dass Migrationsversuche nach Elysium für einige Unglückliche mit dem Tod enden, mag selbst diejenigen entsetzen, an denen die Nachricht von den unlängst im Mittelmeer ertrunkenen mutmaßlichen Syrien-Flüchtlingen vorbeigegangen ist (die Szene, in der Jodie Foster den Tod jener Elenden anordnet, sorgte in dem amerikanischen Kleinstadtkino, in dem der Rezensent den Film gesehen hat, für ein schockiertes Atemholen bei Teenagern, die an den darauffolgenden Materialschlachten ihre helle Freude hatten). „Elysium“ ist Science-Fiction für Leute, die nicht wissen, dass sie in einer Dystopie leben, die man nicht 2154 nennt, sondern 2013.

Das Ende ist positiv, wenn auch mit bitterer Note: Seht die Ungewaschenen rennen, sie sollen gerettet und getröstet werden - ein Bild der ebenso euphorischen wie bedrohlichen Mobilmachung der Armen, das zu den Schlüsseltableaus unserer Krisenkinozeit gehört, von den Zombiehorden in „World War Z“ bis zum Gruppentanz auf dem Damm zwischen Arm und Reich am Ende von „Beasts of the Southern Wild“.

Die Verlorenen wimmeln, trampeln, besetzen Plätze, wehren sich. Wer weiß, vielleicht werden sie diesmal den Ausgang der Gegenwart finden, der Zukunft heißt.

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