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Video-Filmkritik : Die Blumen der Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Melvil Poupaud in "Die Zeit, die bleibt" Bild: Fidélité Productions

Der Film über einen sterbenden Modefotografen geht zu Herzen, weil in ihm alles zum Ausdruck kommt, was dieser junge Mann sonst vor sich und der Welt verschließt. Ein Höhepunkt sind die Szenen mit Jeanne Moreau als wissender Großmutter.

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          Die französische Filmkritik liebt Francois Ozons Filme nicht. Vermutlich ist er ihnen zu akademisch und direkt. Denn obwohl seine Geschichten nie wirklich konventionell erzählt werden, ist die Art und Weise, wie er Anleihen aus der Filmgeschichte nimmt, vergleichsweise unkompliziert, man könnte auch sagen: einfach nur liebevoll. So hat er sich in „Acht Frauen“ einfach an Douglas Sirk und George Cukor orientiert, hat Emmanuelle Beart in das Kostüm gesteckt, das Jeanne Moreau in „Tagebuch einer Kammerzofe“ trug, und als Sehnsuchtsbild einfach ein Foto von Romy Schneider verwendet. Was den Franzosen daran nicht gefällt, ist die Provokation, sich der Filmgeschichte als Travestie zu bedienen, bei der man sich den Vorbildern nähert, indem man sie wie Kleider anzieht.

          Dabei sind seine Filme von einer verblüffenden Einfachheit: Eine Frau verliert ihren Mann, und weil sie sich weigert, an seinen Tod zu glauben, spaziert er als Geist weiter durch den Film. Oder: Das Scheitern einer Ehe wird einfach rückwärts erzählt. Das sind weder neue noch originelle erzählerische Mittel, aber durch die unangestrengte Art, sie einzusetzen, bekommen seine Filme eine geradezu provozierende Offenheit. Man merkt es daran, daß es zu seinen Filmen, seinen Figuren und ihrem Verhalten selten zwei gleiche Meinungen gibt. Man denkt dabei kurz an die wunderbaren Filme von Claude Sautet, kann aber diesen Vergleich auch gleich wieder fallenlassen, weil sich ihre Ähnlichkeit wirklich nur darin erschöpft, daß sich die beiden als Filmemacher das Leben nicht schwerer als nötig machen. Was einfach ist, wird einfach erzählt - das ist so schon kompliziert genug.

          Arrogant und kaltherzig

          So handelt „Die Zeit, die bleibt“ von nichts anderem, als was der Titel anspricht: Ein dreißigjähriger schwuler Modefotograf erfährt, daß er einen Gehirntumor, kaum Heilungschancen und nur noch drei Monate zu leben hat. Er beschließt, auf Behandlungen und Medikamente zu verzichten. Es folgen Begegnungen mit Freunden und Familie, in denen er nichts von seiner Krankheit erzählt, als wolle er seinen Abschied nicht durch Sentimentalität kompromittieren. Er ist gegen sie so hart wie gegen sich selbst. Ein gutaussehender Typ (Melvil Poupaud), aber kein sympathischer Held, so arrogant und kaltherzig wie die Branche, in der er sein Geld verdient. Man ist eher befremdet als berührt.

          Er trennt sich von seinem Freund, er begegnet seiner Schwester herablassend, und auch seiner Mutter öffnet er sich nicht. Er straft sich und die Welt für die Zumutung, um seine Zukunft gebracht zu werden. Tatsache ist aber, daß die Zukunft auf diese Weise überhaupt zum ersten Mal in den Blick gerät und mit ihr die Frage, woraus eigentlich seine Gegenwart bisher bestand. Ein Mann, dessen Beruf das Bildermachen ist, stellt fest, daß er immer in ein Bild von sich geflohen ist, das mit ihm selbst womöglich weniger zu tun hat, als er wahrhaben wollte.

          Das Herzstück des Films

          Nur einmal öffnet der Mann sein Herz, und das ist gleichzeitig das Herzstück des Films, gegen das der Rest ziemlich ins Ungleichgewicht gerät. Da besucht er seine Großmutter auf dem Land, und die wird gespielt von Jeanne Moreau, einer majestätischen Erscheinung, einer unwürdigen Greisin, einer wunderbaren Frau, der Summe aller Rollen, die sie bisher gespielt hat. Ihr erzählt er die Wahrheit, und sie reagiert, wie er es erhofft, indem sie einen ähnlich klaren Kopf behält und ihm nicht auch noch die eigene Trauer aufbürdet. Und als er nachts nicht schlafen kann, besucht er sie in ihrem Schlafzimmer und fragt, ob er sich zu ihr legen kann, und sie sagt nur, sie hoffe, es mache ihm nichts aus, daß sie nackt schlafe, sie habe das ihr ganzes Leben lang so gehalten. Und als er sich am nächsten Tag verabschiedet, hat sie ihm ein paar Blumen gepflückt, und beide wollen ihren Schmerz nicht zeigen, aber als sein Auto um die Ecke gebogen ist, hält sie sich die Hand vor den Mund, so heftig überfällt sie die Trauer.

          Das sind großartig knapp skizzierte Szenen, die eine ganze Beziehung erzählen und Raum lassen für die Trauer und alles, was der Film und sein Held in sich verschlossen tragen. Und der magische Besuch bei der Großmutter erinnert natürlich in der ganzen Art, wie er aus der Zeit gefallen scheint, an jene Szenen aus dem Melodram „Die große Liebe meines Lebens“, wenn Cary Grant und Deborah Kerr auf ihrer Kreuzfahrt ins verbotene Glück in Südfrankreich halt bei seiner Großmutter Janou machen, die dort allein mit ihren Blumen und Erinnerungen lebt. Eine ganz schlichte Hommage an eine der herzzerreißendsten Szenen der Filmgeschichte, angereichert durch alles, was Jeanne Moreau an großen filmischen Erinnerungen mit sich bringt, womöglich ein einfacher Trick, aber enorm wirkungsvoll.

          „Die Zeit, die bleibt“ ist nach „Unter dem Sand“ der zweite Teil einer geplanten Trilogie der Trauer, und am Ende liegt der junge Mann am Strand so wie damals der Held, bevor er verschwand. Der dritte Teil soll vom Verlust eines Kindes erzählen, und man darf gespannt sein, wie sich das mit den anderen beiden Teilen verzahnt.

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