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Video-Filmkritik : Die Blondheit des Widerstands

Filmkritik „Black Book” Bild: @bra mit Material von NFP

Von Holland nach Hollywood - und zurück. Nach zwanzig Jahren in der Traumfabrik und Filmen wie „Basic Instinct“ hat Paul Verhoeven einen Film über den Kampf gegen die Nazis gedreht. Peter Körte über „Black Book“ und den Regisseur.

          5 Min.

          Es mag seriöse Filmhistoriker ja in Verzweiflung stürzen, doch wenn man sich nach ein paar unvergesslichen Momenten der Filmgeschichte aus den letzten zwanzig Jahren umhört, dann hat Paul Verhoeven gute Chancen, mindestens einmal vertreten zu sein. Sharon Stone im kurzen weißen Kleid, die auf einem Stuhl sitzt und mitten im Verhör die Beine spreizt, das löste 1992 nach „Basic Instinct“ lange Diskussionen darüber aus, ob sie nun einen Slip trug dabei oder nicht, und mancher wird auch noch vor Augen haben, wie Elizabeth Berkley sich als Tänzerin in „Showgirls“ (1995) um eine Metallstange windet, um schließlich diese Stange auch mit der Zunge zu berühren.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Welt ist halt ungerecht, kulturell wertvolle Dinge geraten in Vergessenheit, aber dafür kann Paul Verhoeven nichts, der in den neunziger Jahren einer der erfolgreichsten Hollywood-Regisseure war und bei dem sich einige den Kalauer nicht verkneifen können, von seinem „basic instinct“ zu reden, weil es in seinen Filmen viel Gewalt gibt und auch nicht gerade wenig Sex. Verhoeven, der im Juli 69 wird, ist ein umgänglicher, gesprächiger Mann, sein Akzent im Englischen lässt jederzeit den Niederländer erkennen; er hat Mathematik und Physik studiert, bevor er zur Marine ging und dort den Umgang mit einer Kamera lernte, und dass er von den Basisgleichungen des Kinos einiges versteht, sieht man am Erfolg seiner Filme.

          Unterhaltsam, spannend - und nicht durchgängig plausibel

          Zuletzt lief es nicht mehr so gut in Amerika, und wohl auch deshalb hat er sich entschlossen, nach zwanzig Jahren wieder in seiner Heimat zu arbeiten, mit einer deutsch-niederländischen Crew und mit Gerard Soeteman, seinem langjährigen Drehbuchautor. „Black Book“ ist ein Weltkriegsstoff aus den besetzten Niederlanden, und vor dreißig Jahren, als Verhoeven „Der Soldat von Oranien“ drehte, eine patriotische Widerstandsgeschichte, hätte er mehr Probleme bekommen, weil im damaligen Selbstbild praktisch jeder Holländer im Widerstand aktiv gewesen war. Diese Legende ist auserzählt, längst ist in Holland klar, dass es Kollaboration gab, dass die Helden dunkle Seiten hatten und auch von scheinbar Wohlmeinenden holländische Juden gegen Geld oder Wertsachen den Nazis ans Messer geliefert wurden.

          Obwohl fast zweieinhalb Stunden lang, ist der Film nie langatmig oder langweilig. Er ist unterhaltsam, weil er wie ein Thriller gebaut ist, was allerdings nicht heißt, dass seine Konstruktion auch durchgängig plausibel wäre oder man ihn als „wahre Geschichte“ missverstehen sollte. Das jüdische Mädchen, das sich erst bei Christen versteckt, das sich dann dem Widerstand anschließt und sich mit dem Chef des deutschen Sicherheitsdienstes in Den Haag einlässt, ist eine Rolle, mit der man groß herauskommt, und die dreißigjährige Carice van Houten hat diese Chance genutzt. Auch privat hat es sich gelohnt, denn seit den Dreharbeiten ist sie mit Sebastian Koch liiert, der den sanftmütigen Nazi spielt - ein Briefmarkenfreund von einer Menschlichkeit, bei dem man sich schon fragen muss, wie ein solcher Mann es zu einem der ranghöchsten Nazis in den Niederlanden gebracht haben soll.

          Einer jener Momente, wo er es wissen will

          Man kann sich allerdings nicht beschweren über einen Mangel an Spannung und an einschlägigen Stereotypen. Der sadistische Nazi (Waldemar Kobus) ist dabei, unter den Widerständlern sind Hasardeure und Kollaborateure, es gibt viele Schusswechsel, Verrat und Rache in dieser Zeit zwischen 1944 und der Befreiung; man kann dem Film höchstens vorwerfen, dass er 1956 in einem israelischen Kibbuz beginnt, wodurch klar ist, dass Ellis, die nun wieder Rachel heißt, davonkommen wird.

          Und es gibt dann auch, weil es nun mal ein Film von Paul Verhoeven ist, einen jener Momente, wo er es wissen will. Rachel hat sich die Haare blond gefärbt, doch weil sie für die gute Sache mit dem Nazi ins Bett soll, reicht das nicht aus. Verhoeven und Soeteman haben sich ausgedacht, sie beim Blondieren ihrer Schamhaare zu zeigen, und es freut den Regisseur, dass diese Szene in jeder amerikanischen Kritik erwähnt wurde. In Holland, sagt er, habe niemand darüber geredet - was man nicht unbedingt glauben muss. So wenig wie die Behauptung, dieser Moment sei ein Plot Point. Den Punkt hätte er auch machen können, wenn sie sich das erste Mal auszieht. Aber das, sagt Verhoeven, habe er dann doch zu langweilig gefunden.

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