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Video-Filmkritik : Die Abenteuer der Göttin des Internets

David Finchers Entdeckung: In „Verblendung“ spielt Rooney Mara die Heldin Lisbeth Salander Bild: dpa

Stieg Larssons Erfolgskrimi „Verblendung“ ist schon einmal verfilmt worden, und das gut. Jetzt macht Hollywood es noch mal: mehr Stars, mehr Aufwand, mehr Tricks. Es hat sich gelohnt.

          4 Min.

          Der dänische Regisseur Niels Arden Oplev hat gute Gründe, sich über David Finchers neuen Film zu ärgern. Nicht nur, dass Fincher ein Remake von Oplevs Stieg-Larsson-Adaption "Verblendung" gedreht hat, das beinahe zehnmal so teuer war wie das Original. Nein, der Amerikaner hat auch gar nicht erst versucht, die Geschichte - sie bildet den ersten Teil von Larssons sensationell erfolgreicher Millennium-Krimitrilogie - aus Schweden etwa an die Ostküste oder in den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten zu verlegen.

          Video-Filmkritik : „Verblendung“

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Statt dessen ist er mit seinem Team nach Stockholm, Uppsala und an die Ostsee gegangen und hat dort an fast denselben Orten die Kamera aufgestellt wie sein schwedischer Kollege. Am ärgerlichsten dürfte jedoch für Oplev die Tatsache sein, dass Finchers Larsson-Verfilmung einen entscheidenden Tick besser ist als seine eigene.

          Besser, eleganter, spektakulärer

          Eben darin - dass man es noch besser, eleganter, spektakulärer machen kann - liegt die Geschäftsgrundlage des Remakes. Selbst Meisterwerke der Filmgeschichte wie Billy Wilders "Sabrina" oder Tarkowskis "Solaris" haben ihre Nachahmer gefunden. Dass es dennoch im zweiten Anlauf meistens schiefgeht, hat mit der Psychologie der Wiederholung zu tun. Das Remake schielt mit einem Auge auf die Geschichte und mit dem anderen auf ihre erste, ursprüngliche Umsetzung.

          Es ist eine unfreie Form des Kinos, ein Sprechen mit gelähmter Zunge. Die Einfälle, mit denen es sein Vorbild zu überbieten sucht, wirken oft verkrampft und überdreht, während jene Szenen - im Regelfall die Mehrzahl -, die sich auf bereits gebahnten Pfaden bewegen, unvermeidlich die Frage nach dem Sinn der ganzen Übung provozieren. Muss man das alles wirklich noch einmal sehen?

          Eine Übermalung des Originals

          Im Fall von "Verblendung" muss man es. Denn Fincher hat sich auf das tote Rennen zwischen Original und Variation, das für den Nachzügler nicht zu gewinnen ist, gar nicht erst eingelassen: Er hat seinen Film von Anfang an als Übermalung angelegt.

          Schon die ersten Einstellungen zeigen, wohin die Reise geht. Ein Greis, der Großindustrielle Vanger (Christopher Plummer), packt das in einem Paket ohne Absender geschickte Blumenbild aus, das er jedes Jahr an seinem Geburtstag zur Erinnerung an seine spurlos verschwundene Nichte empfängt; der Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig), Herausgeber des Enthüllungsmagazins "Millennium", wird von einem Stockholmer Gericht wegen Verleumdung eines zwielichtigen Unternehmers verurteilt; und die junge Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) informiert Vanger und seinen Anwalt über die Ergebnisse der Recherche zu Blomkvists Privatleben, mit der sie beauftragt war. Alles ist genau so, wie es im Buch steht und auch in Oplevs Verfilmung von 2009 zu sehen war.

          Ein Kunstwerk ganz eigener Art

          Und doch ist alles ganz anders: in Ton, Licht, Tempo, Rhythmus. Worauf es Fincher mit seiner Version der Geschichte abgesehen hat, deutet der von der Animationsfirma Blur Studio produzierte Vorspann an, der ein Kunstwerk ganz eigener Art ist.

          Silbrig glänzende Öl- und matt schimmernde Wassertropfen perlen zu den pulsierenden Gitarrenriffs eines alten Led-Zeppelin-Songs über schwarzgetönte Gesichter, Hände, Blüten und Karosserien; dann flammt als greller Farbtupfer in dem finsteren Herbarium ein Streichholz auf, aber die Flüssigkeit löscht den Brand, und so strömen und gleiten die Bilder ruhelos weiter, bis ihre kalte Pracht erlischt. Es ist ein faszinierendes Gegenstück zu den bekannten James-Bond-Vorspannen, in denen Silhouetten von Waffen und nackten Frauen durch knallbunte Feuerwelten schweben; und es gibt zugleich den Ton vor, auf den Finchers Film gestimmt ist.

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