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Video-Filmkritik : Wenn Schimanski ein Chinese wäre

Bild: Weltkino

Ein meisterhafter Krimi aus China: Diao Yinans Berlinale-Sieger „Feuerwerk am helllichten Tage“ spiegelt eine Kriminalgeschichte in der Geschichte einer seltsamen Liebe.

          4 Min.

          Am Anfang fährt ein Lastwagen durch einen Tunnel. Der Laster hat Kohle geladen, und oben auf dem schwarzen Haufen liegt ein längliches Paket, umwickelt mit buntem Plastik, das im Fahrtwind flattert. Die Kohle wird abgeschüttet und auf einem Förderband weitertransportiert, das Band hält an, und jetzt sieht man, was aus dem zerrissenen Plastikpaket ragt. Es ist die Hand eines Toten.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zur selben Zeit spielen ein Mann und eine Frau in einem Hotelzimmer Karten. Dann schlafen sie miteinander, ihre Hände, ihre Finger krümmen sich vor Lust. Später stehen die beiden am Bahnhof, die Frau gibt dem Mann ein gestempeltes Stück Papier, er stürzt sich auf sie, drückt sie auf einen Erdhaufen, sie macht sich los und läuft zum abfahrenden Zug, während der Mann am Boden kauert und das Dokument aufblättert, das er in der Hand hält: die Scheidungsurkunde.

          Was denn die Story sei, das ist die Frage, die an jeden Film immer zuerst gestellt wird. Aber Filme erzählen nie nur eine Geschichte. Kino, das ist, wenn zwei Bilder, zwei Geschichten zusammentreffen, „One plus one“, wie es in einem Film von Godard heißt. Diesmal sind es die Geschichte des Mannes, der gerade geschieden ist, und die Geschichte der Leichenteile auf dem Kohlenförderband. Aber weil die Story nicht im Ruhrgebiet oder in Nordfrankreich spielt (wo ohnehin keine Kohlenförderbänder mehr laufen), sondern in einer Industrieprovinz im Nordwesten Chinas, hat alles, was in ihr geschieht, einen anderen Resonanzraum. Es klingt anders, sieht anders aus, fühlt sich anders an.

          Gleich zu Beginn bekommt man eine Ahnung davon, was das bedeutet. Der Polizist Zhang, offensichtlich missgelaunt nach dem Scheitern seiner Ehe, stößt mit dem Fuß eine leere Flasche an, die scheppernd die lange Treppe des Kohlebergwerks hinunterrollt. Der Klang ist spitz, hohl und auf beunruhigende Weise metallisch. Er wird den ganzen Film über in den Bildern mitschwingen.

          Ein Krimi im Industrierevier, das ist immer auch das Porträt einer Klassengesellschaft, mit dem Detektiv als Joker zwischen allen Stühlen. Götz Georges Schimanski hat bei uns mit seinen Army-Jacken, seinem Schnauzer und seinen Prügeleien in dieser Hinsicht Maßstäbe gesetzt, und auch Zhang (Liao Fan), der Held dieses Films, könnte bei weiteren Einsätzen im Kino auf Dauer zum Stilideal werden. Zhang trägt gefütterte Lederjacken, wie es dem bitterkalten Winterklima der Provinz Shaanxi entspricht. Er fährt Motorrad. Und auch er prügelt sich gern. Aber bevor die Geschichte richtig in Gang kommt, muss er erst ganz tief fallen, aus der Höhe seines Kommissarsjobs in die Abgründe des chinesischen Prekariats.

          Durch die Augen eines Passanten

          Bei der Fahndung nach dem Leichenzerstückler werden zwei von Zhangs Assistenten in einer Schießerei getötet. Er übernimmt, obwohl selbst schwer verletzt, die Verantwortung und wird aus dem Polizeidienst entlassen. Und wieder fährt ein Wagen durch einen Tunnel, es gibt einen Zeitsprung, und fünf Jahre später, jetzt ist es 2004, liegt Zhang sturzbetrunken am Straßenrand. Aber wir sehen ihn nicht aus der Perspektive der Polizei, sondern durch die Augen eines Passanten, der auf der verschneiten Fahrbahn umdreht, sich Zhangs Motorrad schnappt, damit davonbraust und stattdessen sein eigenes klappriges Mofa zurücklässt. So steht die Kamera in diesem Film oft gerade da, wo die Gefahr oder wenigstens der böse Blick des Alltags ist, das Auge des Mörders, der Denunziantin, des Gaffers von gegenüber. Es ist eine Welt, in der sich Menschlichkeit nicht rechnet und jeder, der sich seinen Gefühlen überlässt, mit Verlusten rechnen muss.

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