https://www.faz.net/-gs6-nowv

Video-Filmkritik : Der Stunt der Dinge: Tarantinos „Death Proof“

Tragik, wie man sie nur im Kino inszenieren kann

Die schlechte Nachricht in „Death Proof“ ist die: Tarantino kann es immer noch nicht. Die gute: Er versucht es trotzdem, und die Vergeblichkeit ist, zum ersten Mal in seiner Filmographie, kein Mangel. Sie ist womöglich der moralische Kern dieses Films, der nur auf den ersten Blick so aussieht, als wäre hier der gleiche Sexismus am Werk wie in den Filmen, die angeblich die Formvorbilder liefern, Russ Meyers „Motor Psycho“ oder Jack Cardiffs schicker und bodenlos schlechter „The Girl on a Motorcycle“.

Ja, man ist, gleich in der ersten Szene, schockiert davon, wie dreist und begehrlich die Kamera die schöne Sydney Poitier (Sidney Poitiers Tochter) von hinten mustert, und noch erstaunlicher ist es aber, wie die vier jungen Frauen, um welche es in der ersten Hälfte geht, sich diese Blicke zu unterwerfen versuchen, es ist ein gleichermaßen erotisches wie brutales Spiel um Macht und das Recht am eigenen Bild, es ist schneller und spannender, als wenn Tarantino hier Schuss und Gegenschuss mit Revolvern inszenierte - und es wirkt besonders intensiv dadurch, dass der Film hier anscheinend von nichts anderem erzählt als davon, wie die Frauen erst ein Restaurant, dann eine Bar besuchen, sich von dummen Jungs ein paar Drinks spendieren lassen und zwischendurch über den Sex mit anderen dummen Jungs eher abfällig sprechen. Und es wird noch intensiver dadurch, dass der männliche Widerpart eigentlich der Mann hinter der Kamera ist - und der Umstand, dass es vom einen zum anderen Ort keinen Weg gibt, ist eben mehr als ein technisches Problem; es ist Tragik, wie man sie nur im Kino inszenieren kann.

Wie immer bei Tarantino: ein Schrecken und ein Glück

Kurt Russell, als irrer Stalker und Serienkiller, ist gewissermaßen Tarantinos Stellvertreter in dem Film, ein Mann, zu alt, als dass da irgendetwas geschehen könnte zwischen ihm und den jungen Frauen, und zu erhitzt, sich damit abzufinden. Und was daraus folgt, möchte man eigentlich nacherzählen in allen Details; man lässt es aber bleiben, um niemandem die Schocks und das Vergnügen zu verderben. Was folgt, das ist der zweite Teil des Films, in welchem der Geschlechterkampf auf Straßen und Highways ausgetragen wird, mit brüllenden Motoren, zwei wunderschönen Autos der Marke Dodge und einer völlig neuen, sexuell extrem aufgeladenen Interpretation des alten Topos „Autoverfolgungsjagd“: Die Frauen, die zufällig professionelle Stunt-Frauen sind, jagen den irren Kurt Russell (und rächen dessen Opfer aus dem ersten Teil).

Man möchte jubeln über das Tempo, die Aggressivität, die Lust, mit welcher die beiden Autos zu Schrott gefahren werden. Und heulen möchte man, wenn man spürt, dass das alles böse, tödlich, traurig enden wird - was eben nicht bloß an Quentin Tarantinos ganz persönlichen Problemen mit den Frauen und dem Inszenieren liegt. Eher an den Menschen, von denen er erzählt, Menschen, die sich von denen im Publikum vielleicht nur dadurch unterscheiden, dass sie sich entschieden riskanter zu fahren trauen. Der Stunt der Dinge.

Es ist, wie immer bei Tarantino, ein Schrecken und ein Glück. Man möchte gleich wieder ins Kino rennen und überprüfen, welches Gefühl jetzt das stärkere ist.

Weitere Themen

Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

Topmeldungen

Zögern in Wolfsburg: VW dürfte doch kein neues Werk in der Türkei bauen.

F.A.Z. exklusiv : Bulgarien lockt VW mit mehr Geld

Wegen der türkischen Offensive in Syrien legt VW Pläne für ein Werk nahe der Metropole Izmir auf Eis. Nun hofft Sofia, doch noch das Rennen um die begehrte Milliardeninvestition zu machen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.