https://www.faz.net/-gs6-nowv

Video-Filmkritik : Der Stunt der Dinge: Tarantinos „Death Proof“

In Amerika hat das alles nicht so gut funktioniert, weder beim Publikum noch bei den Kritikern, was aber an Tarantino liegt; dem gefiel es nämlich, „Death Proof“ in einer um den Lapdance und viel Gequassel gekürzten Fassung zu zeigen, in einem sogenannten „Double Feature“, zusammen mit dem Horrorschocker „Planet Terror“ seines Freundes Robert Rodriguez, unterbrochen von Werbeclips für so erstaunliche Werke wie „Werewolf Women of the SS“, Werke, die natürlich außerhalb dieser Trailer gar nicht existieren. „Grindhouse“ hieß in den Vereinigten Staaten dieses Projekt, nach der englischen Bezeichnung für jene Kinos, wo, in den Sechzigern und Siebzigern, die billigen Motorrad-, Surfer-, Frauengefängnis-, Softsex-, Horror- und Zombiefilme liefen, und als Hommage an diese Art von Kino wurde „Grindhouse“ in Amerika verstanden: als Hommage, so muss man nach dem Flop der Sache sagen, an ein Phänomen, dem offensichtlich niemand hinterhertrauern mag.

Dabei kann Tarantino alles - außer Liebe und Sex

„Death Proof“, so hört und liest man in den ersten deutschen Deutungsversuchen, sei hochverdichteter, künstlerisch veredelter „Trash“ (wie der deutsche Fachbegriff anscheinend heißt) - und um diesen Eindruck zurechtzurücken, muss hier noch einmal auf Tarantinos künstlerischen Stiefvater, auf Eric Rohmer, verwiesen werden. Der nämlich drehte seine Filme lange Zeit im semiprofessionellen 16-Millimeter-Format, was immer körnige, leicht verwaschene Bilder ergab - die gängigen 35 Millimeter, so erklärte Rohmer, seien für seine Zwecke zu schön, zu glatt, die Bilder machten zu viel Propaganda für sich selbst. Wie auch immer Tarantino sein Material bearbeitet hat: Seine Bilder jedenfalls sehen körnig, billig und verwaschen aus, die Farben wie aus zweiter Hand gekauft, die Dekorationen wie zufällig da hingestellt. Und selbst die Körper, um deren Attraktivität es, wie sich zeigen wird, vor allem geht, selbst die Körper scheinen nicht so gut geschminkt zu sein, weniger auf Perfektion getrimmt, als das sonst üblich ist in Hollywood. Was, weil die Blicke nicht zurückgeworfen werden vom Glanz der Körper und der Oberflächen, die Inszenierung transparenter macht. Und erst die Voraussetzungen schafft für Tarantinos Inszenierung, die brutal ist und subtil zugleich.

Es geht um Liebe und um Sex in „Death Proof“, was schon deshalb ganz erstaunlich ist, weil ja Quentin Tarantino, der Drehbuchschreiber und Regisseur, wirklich alles kann: außer Liebe, außer Sex. Erwachsene Menschen, die auf einigermaßen erwachsene Art einander näherzukommen versuchen, das lag bislang jenseits von Tarantinos künstlerischen Möglichkeiten, die zarteste Szene, die er je geschrieben hat, hat er nicht selber inszeniert: Das ist, in Tony Scotts „True Romance“, der Moment, in dem Patricia Arquette ja sagt auf Christian Slaters Frage, ob sie sich mit ihm im Kino ein Triple Feature mit Kung-Fu-Filmen anschauen mag. Die zarteste Szene, die er inszeniert hat, ist, in „Pulp Fiction“, wenn Maria de Medeiros und Bruce Willis sich darüber unterhalten, ob das Ding da draußen vor dem Motel ein Chopper oder ein Motorrad sei. Und in „Kill Bill“ konnte einem David Carradine, der Uma Thurmans Mann spielte, auch deshalb richtig leidtun, weil seine Bösartigkeit anscheinend auch daher kam, dass Tarantinos Inszenierung eigentlich nur von Quentins Verliebtheit in Uma erzählte und davon, wie Uma diese verliebten Blicke genoss.

Weitere Themen

„Born in Evin“ Video-Seite öffnen

Filmkritik : „Born in Evin“

Maryam Zaree kam im Teheraner Foltergefängnis Evin zur Welt. Über die Zeit dort sprachen ihre Eltern nie. Die Schauspielerin fragt danach, nicht nur um ihrer selbst willen. Ursula Scheer über den bewegenden Film „Born in Evin“.

Topmeldungen

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am 9. Oktober im Parlament in Ankara.

Offensive in Nordsyrien : Erdogan verspottet Trump

Der türkische Präsident verspottet nicht nur den deutschen Außenminister Heiko Maas, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump für seine Tweets. Ein Treffen mit dessen Vize Pence und Außenminister Pompeo lehnt er ab.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.