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Video-Filmkritik : Der Gefangene des Vatikans

Bild: F.A.Z., Prokino

Nanni Morettis Film „Habemus Papam“ zeigt einen Pontifex in der Lebenskrise. Michel Piccoli spielt ihn als zweifelnd am Glauben, an sich selbst, am Leben und an Gott.

          3 Min.

          Das Kino hat ein intimes Verhältnis zur Blasphemie. Es zeigt, was die Gläubigen nicht sehen sollen, nackte Körper, entstellte religiöse Symbole, Priester auf Abwegen. Es spielt mit allem, was der Kirche heilig ist. Umso heftiger eckt es an, wenn es mit der Kirche selbst spielt. Was unter den Bischofshüten und Kardinalsroben steckt, hütet der Klerus wie eine Reliquie.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fellini hat sich in „Roma“ einst einen Reim auf die Sache gemacht, indem er ein Kirchenbankett als ekklesiastische Modenschau inszenierte. Zuerst schweben Nonnentrachten mit riesigen Flügelhauben „für Räume mit geringer Luftzirkulation“ und elektrisch blinkende Mitren über den Laufsteg, dann fährt der gerade gestorbene Papst auf einem Himmelsthron aus der Kulisse. Der Vatikan zog es vor, zu diesem Film zu schweigen, und er tat gut daran.

          Umso mehr frommen Lärm gab es im Frühjahr beim italienischen Start von Nanni Morettis Kinowerk „Habemus Papam“. Ein Kritiker empfahl in der Zeitung „Avvenire“, den Film zu boykottieren, denn er rüttle an dem Felsen, auf dem die Kirche ruhe (F.A.Z. vom 20. April). Ein anderer erklärte, er wolle keinen Film sehen, in dem der Papst an Glaubenszweifeln leide. Im Übrigen sei das Thema für Moretti ohnehin zu groß.

          Der Fachmann irrte gleich doppelt. Zum einen gab es noch nie ein Thema, das für Nanni Moretti zu groß war, sei es die Emanzipation („Ecce bombo“), die Lage Italiens („Liebes Tagebuch“), die Zukunft des Sozialismus („Palombella rossa“). Zum anderen zweifelt der Papst, den „Habemus Papam“ zeigt, nicht allein am Glauben. Er verzweifelt an sich selbst, am Leben, an Gott, an allem. Und das auf dem Höhepunkt seiner kirchlichen Laufbahn.

          Die Sehnsüchte bleiben geheim

          Gerade will der Kardinalprotodiakon vor der wartenden Menge auf dem Petersplatz den Namen des neuen Pontifex bekanntgeben, da bricht der frisch gewählte Kardinal Melville in einen Notschrei aus. „Neiiin!“ Erbleichend tritt der Sprecher vom Mikrofon zurück. Der Balkon des Vatikanpalasts leert sich. Einsam bauschen sich die roten Vorhänge im Wind.

          Das ist die Grundsituation des ganzen Films. Die Kamera steht vor einer Geschichte, einem Drama, aber es kommt nicht heraus. Irgend etwas muss mit Melville passiert sein, dass er wie Melvilles Bartleby so gar nicht will, was er soll. Aber wir erfahren es nicht. Der Schleier, hinter dem die Träume, die Lüste und Sehnsüchte des Kardinals verborgen sind, bleibt geschlossen. Statt dessen schlägt der Film ein paar schöne Umwege ein, um zu erkunden, was sich hinter den vatikanischen Gardinen im Krisenfall tut. Der erste besteht darin, dass die hilflosen Kardinäle einen Psychiater zu Rate ziehen, den besten, der auf die Schnelle zu haben ist. Der Mann zeigt ein vertrautes Gesicht. Es ist Nanni Moretti.

          Ein Papstdienstverweigerer mit Würde

          Lange Zeit konnte man sich bei dem Ich-Filmer Moretti darauf verlassen, dass er die Helden seiner Geschichten selbst spielte. Vor fünf Jahren aber räumte er seinen Stammplatz vor der Kamera, um in der Politparabel „Der Italiener“ die zentrale Nebenrolle des Silvio Berlusconi zu verkörpern. „Habemus Papam“ setzt diese Seitenbewegung fort. Nicht Moretti, sondern der greise Michel Piccoli spielt den Papstdienstverweigerer Melville, und er gibt ihm eine beseelte Würde, von der sich die wirklichen Träger des Amts noch etwas abschauen können. Als Piccoli und Moretti sich dann gegenübersitzen, erwartet man einen Showdown der Kinotemperamente, ein unsterbliches Duell.

          Aber wieder weicht der Film seinen Möglichkeiten aus. Die Skrupel der Kardinäle würgen das Patientengespräch ab, und als Melville, für den der Therapeut immerhin einen Ausflug in die Stadt herausholt, seinen Bewachern entwischt, trennen sich die Wege der Figuren endgültig. Um die Flucht des Klerikers zu vertuschen, setzt der Vatikan einen Schweizergardisten als Papstdarsteller hinter die zugezogenen Gardinen des Pontifikalpalasts.

          Aneinandergereihte Zufälle

          Der in das Komplott eingeweihte Psychiater organisiert ein Volleyballturnier, um die Kardinäle beim Warten auf die Rückkehr Melvilles bei Laune zu halten. Es ist der visuelle Höhepunkt des Films und Morettis Antwort auf Fellini. Die Bälle fliegen, die Roben flattern, die Würdenträger bejubeln jeden Punkt. Piccoli, nach der Stimmung bei den Dreharbeiten gefragt, hat erzählt, der Regisseur habe sich ständig wie ein Schiedsrichter aufgeführt. Der autobiographische Impuls hat Moretti, wie man sieht, also nicht verlassen, er ist nur aus dem Zentrum in die Peripherie der Geschichte gewandert.

          Dem Papstfilm tut das nicht gut. Denn die Figur, die eigentlich im Mittelpunkt steht, ist kaum mehr eine Skizze, ein Schemen eher als ein Mensch. Er sei Schauspieler, sagt Melville, als er nach einigem Herumirren der Ex-Ehefrau (Margherita Buy) seines Therapeuten gegenübersitzt, und später lernt er eine Theatertruppe kennen, die gerade Tschechows „Möwe“ aufführt, in der er als Jüngling mitspielen wollte. Der Film reiht diese Zufälle aneinander wie Karten auf einem Spieltisch, aber er spielt die Partie nicht durch. Er könne sich in seinen beiden Hauptfiguren gleichermaßen wiedererkennen, sagt Moretti, in dem depressiven Kardinal wie in dem Psychiater mit der Schiedsrichterpfeife. Für eine von beiden hätte er sich entscheiden sollen. So endet sein Vatikanspiel mit einer doppelten Null.

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