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Video-Filmkritik „Amazing Grace“ : Singen bis ins Paradies

Bild: Weltkino

Wer erleben möchte, wie Aretha Franklin im Alter von dreißig Jahren eine Kirche in Los Angeles zum Beben bringt: ins Kino gehen! Mick Jagger war auch dabei.

          3 Min.

          Muss das sein, ein Konzertfilm über ein Ereignis, das 47 Jahre zurückliegt? Über die Live-Aufnahme eines Albums, das jeder kennt, der mit dem Namen Aretha Franklin etwas anfangen kann? Analog gedreht, im Bild nicht digital optimiert, und das im Kino, heute? Unbedingt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine schmucklose Kirche in Watts im Süden von Los Angeles. Reverend James Cleveland begrüßt die Anwesenden zur Live-Aufnahme von „Amazing Grace“, die zwei Abende dauern wird. Niemand kann ahnen, dass dies das erfolgreichste Gospelalbum überhaupt werden wird. Der einzige Grund für ein Live-Album sei die Beteiligung des Publikums, sagt Cleveland, deshalb bittet er die paar hundert, die in seine Kirche passen, sich bemerkbar zu machen, damit man meinen könnte, sie seien zweitausend. „Schafft ihr das?“, ruft er, und die Menge klatscht. Die Band spielt „On Our Way“, der Chor läuft ein, in silbernen Boleros über schwarzen Hemden, langsam grooven sich die Leute in Stimmung, zurückhaltend noch, sitzend, erwartungsvoll, bis schließlich sie, auf die alle warteten, die „First Lady of Music: Miss Aretha Franklin“, erscheint.

          Sie betritt die Kirche wie die Diva, die sie mit dreißig Jahren, nach zwanzig Alben und unzähligen Konzerten jenseits von Kirchen längst ist: im langen weißen strassbesetzten Abendkleid und großem Make-up. Keine Sünderin, sondern eine, die Gott preisen wird, eine, deren Stimme zu ihm hinaufklettern wird, die jeden Ton halten wird, halten, bis die Himmel sich öffnen, halten, um all die zu umfassen und hochzuheben, die glauben. Oder die einfach nur dabei sind, wenn Aretha Franklin singt.

          Aretha Franklin in der Missionary Baptist Church in Watts im Süden von Los Angeles vor Beginn der Live-Aufnahme von „Amazing Grace“

          Aretha Franklin ist in diesem Film alles, außer einer: Sie ist keine Büßerin. Professionell und bescheiden und fast schüchterne Tochter, als am zweiten Abend ihr Vater, seinerseits ein bekannter Prediger in Detroit, mit dem Gospelstar Clara Ward die Kirche betritt und eine Rede hält und ihr später mit seinem Taschentuch den Schweiß vom Gesicht tupft. Sie ist ohne Allüren gegenüber den anderen Musikern, dem Reverend James Cleveland, der neben ihr im Mittelpunkt steht, denn dies ist seine Kirche, der Southern California Community Choir, geleitet von dem tänzerisch agilen Alexander Hamilton, ist sein Choir, und er ist in der Gospeltwelt berühmt. Sie alle wissen, was sie können. Sie wissen auch, Aretha Franklin ist einmalig.

          Einmalig schon beim ersten Lied: „Wholy Holy“

          Sie setzt sich an den Flügel und beginnt zu spielen. Und mit den ersten Tönen, die sie singt, Marvin Gayes „Wholy Holy“, nimmt etwas Einmaliges seinen Lauf. Was in dieser Kirche stattfindet, ist nicht Konzert, nicht Gottesdienst, sondern eine Feier des Lebens, jubilierend bittend, ernst, hoffend, voller Trauer auch, und Aretha Franklin wird mit ihrem ganzen Körper das, wovon sie singt, die Gnade wie der Schmerz wie der Jubel auch.

          Man muss nicht gläubig sein, um zu spüren, was hier geschieht, wie diese Stimme, die von allem weiß, was Menschen widerfahren kann, erfüllt ist von der Gewissheit der Existenz nicht so sehr eines höheren Wesens als der Möglichkeit einer besseren Welt.

          Warner Brothers hatte damals Sydney Pollack damit beauftragt, diesen Film zu drehen. Aber Pollack, der für „Auch Pferden gibt man den Gnadenschuss“ zwar bereits eine Oscar-Nominierung unter dem Gürtel hatte, aber keinerlei Erfahrung mit Musikfilmen, vermasselte die Sache. Als die beiden Abende vorbei waren, stellte sich heraus, dass Bild und Ton im Schneideraum nicht synchron zu bekommen waren. Das Material wurde auf Eis gelegt, vermutlich auch vergessen, außer von Sydney Pollack, der kurz vor seinem Tod im Jahr 2008 Allan Elliott erlaubte, sich der Sache anzunehmen, und Elliott gelang es schließlich mit digitaler Technik tatsächlich, Ton und Bild in Einklang zu bringen. Ansonsten hat er den Film gelassen, wie er war.

          Ist daraus ein filmisches Meisterwerk geworden? Nicht, wenn das meint: makellose Technik. In dieser Hinsicht stimmt vieles nicht; immer wieder sind die Kameraleute im Bild und auch der Regisseur, der sie mit großen Armbewegungen durch den Kirchenraum dirigiert und zum Beispiel auf Mick Jagger und Charlie Watts aufmerksam macht, die hinten im Publikum stehen und mitklatschen; manchmal dauert es einen Augenblick zu lange, bis die Schärfe gezogen ist, der einige Mal eingesetzte Splitscreen wirkt altmodisch, was er als beliebtes Stilmittel der Siebziger ja auch ist, die Farben können nicht mithalten mit den satten nuancierten heutiger HD-Bilder. Aber worum es geht, wenn Aretha Franklin singt – das versteht in diesem Film jeder. Auch deshalb ist „Amazing Grace“, mit Martin Scorseses „The Last Waltz“ und Jonathan Demmes „Stop Making Sense“ einer der großen Konzertfilme des Kinos.

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