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Video-Filmkritik : Dem Schicksal den Stachel ziehen

  • -Aktualisiert am

Bild: Studiocanal

Ryan Gosling und Bradley Cooper sind die Hauptdarsteller in Derek Cianfrances „The Place Beyond the Pines“. Ihre Schicksale sind auf tragische Weise ineinander verschränkt.

          4 Min.

          Dass Filme einen Anfang und ein Ende haben, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Bei Büchern ist das ja auch so, wir lesen sie (meistens) von vorne nach hinten. Genau genommen hat das aber nicht notwendig mit dem Medium selbst zu tun, sondern es liegt daran, dass es als Träger von Erzählungen fungiert. Erzählungen haben Logiken, häufig liegen sie darin, dass wir überrascht werden wollen. Ein besonderer Fall tritt dann ein, wenn die Überraschungen aus der Logik der Erzählung selbst zu kommen scheinen.

          Das ist der Fall bei „The Place Beyond the Pines“, dem neuen Film von Derek Cianfrance. Der amerikanische Regisseur, der sich mit „Blue Valentine“ dieses ambitionierte Nachfolgeprojekt verdient hat, zieht uns buchstäblich in die Geschichte hinein, indem er sich mit der Kamera einem Mann an die Fersen heftet, der zur Arbeit geht.

          Logik des Unheils

          Es ist kein gewöhnlicher Mann, und es ist schon gar keine gewöhnliche Arbeit. Ein über und über mit Tätowierungen bedeckter Rowdy ist das, Zigarette ständig im Mundwinkel, ein Proletenleibchen bedeckt den Oberkörper nur notdürftig. Noch wissen wir gar nichts von ihm, wir haben nur diesen Eindruck derangierter, aber starker Körperlichkeit. Er steuert auf ein Motorrad zu, wirft es an, und dann fährt er damit in eine Kugel aus Stahlstreben, in der schon zwei andere Biker auf ihn warten. Und diese drei legen dann los: ein irrer Verkehr auf engstem Raum, rasant bis zur Schwerelosigkeit, der unausweichliche Crash auf atemberaubende Weise suspendiert durch halsbrecherische Virtuosität auf dem Feuerstuhl. Das Wort passt in diesem Fall einmal wirklich.

          Was Cianfrance hier zeigt, ist zugleich eine große Metapher - und deren Explosion. Denn eigentlich ist es völlig undenkbar, dass das wirklich geht; normalerweise müsste so ein Stunt in wenigen Minuten zur Kollision führen. Doch wir sind hier ja im Kino, und was Derek Cianfrance in den folgenden zwei Stunden probieren wird, ist ein ähnlicher Akt der verwegen weitschweifigen Engführung einer Erzählung bei gleichzeitiger Mobilisierung aller Schwer- und Fliehkräfte.

          Nicht gerade der Famiientyp

          Das beginnt eigentlich schon bei der Lektüre der Titel-Credits, auf die es sich hier durchaus lohnt, ein wenig zu achten. Denn sie enthalten, wie bei fast allen Filmen, ein erzählerisches Programm. In diesem Fall liegt es in der Tatsache begründet, dass zwei Jungstars ungefähr gleichen Kalibers, aber unterschiedlichen Typs als Hauptdarsteller geführt werden: Ryan Gosling und Bradley Cooper. Gosling war schon in „Blue Valentine“ dabei, zuletzt gab er mit „Drive“ eine prototypische Außenseiterfigur. Cooper hingegen, berühmt geworden durch die „Hangover“-Trilogie, ist eher der „nice guy“. Da kann man sich im Grunde schon vorstellen, worauf diese Paarung hinausläuft.

          Doch dann beginnt Cianfrance zu erzählen. Nach der Arbeit kreuzt eine attraktive Latina den Weg des Stuntfahrers, es erweist sich, dass die beiden eine Geschichte miteinander haben. Sie heißt Romina (Eva Mendes), nun erfahren wir auch seinen Namen, er heißt Luke, er ist der Vater des Jungen, den Romina mit ihrem afroamerikanischen Partner Kofi aufzieht. Luke ist nicht gerade der Familientyp, doch nun will er sich seiner Verantwortung stellen.

          Er tut dies allerdings auf eine Weise, die geradezu unausweichlich Unheil heraufbeschwört. Cianfrance nimmt sich Zeit für diesen Teil der Geschichte, der Film dauert nun schon fast eine Stunde, von Bradley Cooper immer noch keine Spur, geschweige denn von Ray Liotta, der in den Credits auch angekündigt wurde, oder von Rose Byrne, dem Mädchen aus der Serie „Damages“.

          Gesetz des Suspense

          Und so erzeugt „The Place Beyond the Pines“ noch eine zusätzliche Spannung, die aus dramaturgischer Unklarheit entsteht: Ist das noch Exposition, Etablierung einer Geschichte? Oder sind wir schon mittendrin? Um diese ganz besondere, kostbare Spannung (eigentlich eine Spannung zweiter Ordnung) nicht zu gefährden, soll hier nun nicht mehr weiter von der Geschichte die Rede sein. Nur so viel: Bradley Cooper bekommt noch die Gelegenheit, sich sein „star billing“ zu verdienen, und Ray Liotta hat ein paar große Momente.

          Eigentlich hat nur ein Film in den letzten Jahren, der mexikanische Thriller „Miss Bala“, es geschafft, auf ähnliche Weise kontinuierlich mit dem Unerwarteten zu spielen und auf ein Ende zuzusteuern, das zugleich unabsehbar und doch verblüffend nahe am Ausgangspunkt lag. So ist das dann auch mit „The Place Beyond the Pines“. Cianfrance holt weit aus, doch im Grunde folgt sein Film einer klassischen Logik: Unheil pflanzt sich familiär fort (oder eben nicht, wenn jemand sich die Freiheit einer Unterbrechung dieser Logik nimmt). Irgendwo zwischen den Restbeständen griechischer Tragik und den neuen Komplexitäten der Qualitätsserien im amerikanischen Fernsehen liegt das, was „The Place Beyond the Pines“ in den Verlauf eines einzigen Films packt.

          Existentielle Abgründe im Alltag

          Das Konzept ist deutlich, und es gerät unausweichlich auch an manchen Punkt, in dem die Konstruktion sehr offen zu Tage liegt, an dem auch die beiden Stars sich ein wenig in ihrer Typik zu verfangen scheinen (Gosling ist gerade so an der Grenze, zu seiner eigenen Karikatur zu werden). Doch Derek Cianfrance schafft es dann immer wieder, dem Geschehen durch einen geschickten Kniff eine neue Facette zu verleihen. Dazu kommen zahlreiche interessante Nebenfiguren in dieser Welt des ländlichen Ostküstenamerika, in Schenectady, New York, wo sich der Alltag ähnlich leicht auf existentielle Abgründe hin zu öffnen scheint wie in einem Roman von Russell Banks (“Affliction“) oder einem Film von Clint Eastwood (“Mystic River“).

          Nach einer Stunde ist „The Place Beyond the Pines“ zum ersten Mal zu Ende, nach zweieinhalb Stunden aber erst sind wir so weit, dass ein kathartischer Moment erreicht ist. Er ist redlich verdient, und Cianfrance nützt ihn zu einer kleinen Demonstration erzählerischer Mechanismen: Suspense und Surprise, Spannungsaufbau und Überraschung, werden perfekt ineinander verschränkt. Wir haben es hier mit einem Filmemacher zu tun, der sehr genau weiß, was er tut, der es aber so aussehen lässt, als ginge alles ganz von selbst. Nur in dieser Ambivalenz vermag er in das Zentrum seiner erzählerischen Anstrengung zu gelangen: dem Schicksal den Stachel zu ziehen.

          Das heißt in diesem Fall mehr denn je: zwischen Anfang und Ende einen Zusammenhang zu schaffen, der weder auf Willkür noch auf Notwendigkeit beruht. Sondern auf den Unwägbarkeiten dazwischen, aus denen gute Geschichten entstehen.

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