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Video-Filmkritik : Dem Glück so nah, dass es verschwimmt

Bild: Wild Bunch

Eine Frauenliebe: In Cannes gewann „Blau ist eine warme Farbe“ die Goldene Palme - heute wurde er in Frankreich zum „Film des Jahres 2013“ gekürt. Von der Premiere an aber gab es auch manchen Protest gegen Inhalt wie Form.

          4 Min.

          Wilde Sexszenen, eine Darstellerin, die sich öffentlich über ihren tyrannischen Regisseur beschwert, Proteste von verschiedenen Seiten über unerhörte Arbeitszeiten, unkorrekte Darstellungsweisen lesbischer Liebe, verquere Blickachsen, traditionelle Körperfragmentierungen und abgestandene Beziehungsklischees, das Ganze eine einzige Sauerei, aber ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, wahrscheinlich als Geste einer liberalen Jury gegen die homophoben Proteste auf den französischen Straßen im Mai, die sich ihrerseits gegen die Gesetze zur Legalisierung der Homosexuellen-Ehe wendeten? Ach ja, und in Amerika kam die Frage auf, ob nicht die Tatsache, dass eine der beiden Figuren zu Beginn des Films noch gar nicht erwachsen ist, zeige, wie unverantwortlich hier mit der Darstellung von Sex mit Minderjährigen umgegangen werde, was zu verteufeln sei und in Idaho zu einem Aufführungsverbot führte - was um Himmels willen ist das für ein Film?

          Beachtliche Länge von drei Stunden

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er heißt für das deutsche Publikum „Blau ist eine warme Farbe“ und kommt mit seiner beachtlichen Länge von drei Stunden am Donnerstag in unsere Kinos. Gedreht hat ihn Abdellatif Kechiche, der Franzose tunesischer Herkunft, der vor zehn Jahren in seinem Film „L’esquive“ („Nicht ja, nicht nein“) über maghrebinische Heranwachsende in einer französischen Banlieue schon verblüffend nah an seine Figuren heranging, sich in Gruppen stürzte und damit die Dynamik der Straße fühlbar machte, gerade so, wie er in „Blau ist eine warme Farbe“ einen Schulhof filmt.

          Einige Jahre später drehte er „La graine et le mulet“ (Couscous mit Fisch), einen ungeheuer sinnlichen Film über einen arbeitslosen arabischen Einwanderer, der in einer französischen Küstenstadt ein Restaurant aufmacht, was Anlass herrlicher Essensszenen ist, wieder so nah gefilmt, dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Jetzt also ein Film über Sex, wie immer ganz nah dran am Geschehen, was die einen Pornographie fürchten lässt, den anderen Lust macht, sich einzumischen? Nein.

          Kein Film über Sex

          „Blau ist eine warme Farbe“ ist kein Film über Sex, obwohl in ihm zwei ausgedehnte Sexszenen vorkommen, mit denen der Regisseur die Grenze zwischen den beiden Hälften dieses Films markiert. Denn im Original heißt er „La vie d’Adèle - Chapitres 1 et 2“, und tatsächlich könnte der erste Teil „Leidenschaft“ heißen und der zweite „Einsamkeit“. In gewisser Weise gibt es eine Vorlage dazu, die Graphic Novel „Le bleu est une couleur chaude“ (auf die der deutsche Titel zurückgeht) von Julie Maroh, und es soll nicht verschwiegen werden, dass auch sie sich heftig über den Film beklagte, der, wie bereits der Titel erkennbar werden lässt, sich sehr weit von seiner Vorlage entfernt.

          Worum also geht es hier? Adèle (Adèle Exarchopoulos) ist ein junges Mädchen, zu Beginn eine Schülerin, die flirtet, leidenschaftlich liest (vor allem Marivaux) und isst, die in die Sonne blinzelt und der häufig die Nase läuft, noch bevor sie anfängt, Rotz und Wasser zu heulen, was auch vorkommt. Wie es ist, ganz jung zu sein, spüren wir in ihrem ungestümen Gestus allem gegenüber, was das Leben zu bieten hat. Ein Blickwechsel mit einer etwas älteren jungen Frau mit blauem Haar sieht aus wie ein Blitz in diesem Film, dem erst einmal nichts weiter folgt. Adèle geht mit einem schönen Schüler zum ersten Mal ins Bett, was wenig Eindruck auf sie macht, dann trifft sie die Frau mit dem blauen Haar wieder, zufällig, in einer Schwulenbar, in die ein Freund sie mitnimmt.

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