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Video-Filmkritik : Das war der wilde Westen

Bild: NFP

Der französische Regisseur Olivier Assayas erzählt eine Geschichte der Jahre nach 1968. Sein Film „Die wilde Zeit“ zeichnet das Porträt einer Generation, die das unmittelbar Politische hinter sich ließ, und ist ein Meisterstück des Kinos.

          Es ist Zeit, Olivier Assayas zu entdecken. Zwar dreht er schon seit einem Vierteljahrhundert Filme, für die ihn die Kritiker lieben, aber nur etwa die Hälfte davon hat es bisher bei uns ins Kino geschafft, und selbst sein Hauptwerk „Carlos“, ein fünfeinhalbstündiges Panorama der siebziger Jahre und ein Porträt ihres gefährlichsten Terroristen, das in einer Dreistundenfassung ins Kino kam, erreichte vor drei Jahren keine achtzigtausend Zuschauer. Dabei ist Assayas alles andere als ein Experimentalfilmer. Er erzählt Geschichten, die von den großen Themen des Kinos wie des Lebens handeln: Sex und Macht („Demonlover“), Jugend und Gewalt („Lebenswut“), Liebe und Obsession („Das Winterkind“), Familienverhältnisse („Clean“) und so fort.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber er erzählt davon auf seine besondere, eigensinnige Weise. Assayas ist einer großen Unangepassten des zeitgenössischen Films, einer von jenen Regisseuren, für die es im Französischen ein Wort gibt, dessen Obertöne in keine andere Sprache übersetzbar sind: auteur. Ein Selbstfinder, Selbsterfinder. Bei uns sprach man früher vom Autorenfilm. Das ist vorbei. Jetzt will jeder ein Profi sein. Assayas aber ist beides, Profi und Autor, ein Mann, der alle Register des Kinos ziehen und zugleich seine eigene Melodie darauf spielen kann.

          Die zerbrechlichste Sache der Welt

          Assayas’ neuer Film „Die wilde Zeit“ handelt wieder vom Jungsein. Er beginnt mitten in den Kampftagen der Nach-Achtundsechziger, mit der Pariser Studentendemonstration vom 9. Februar 1971, die von Sondereinheiten der Polizei brutal zerschlagen wird. Jugendliche mit Motorradhelmen und Arafat-Schals hasten durch die Straßen, verfolgt von Uniformierten, Rauchgranaten fliegen, Schlagstöcke krachen auf Arme und Beine. Man denkt an einen jener Kinobilderbögen, wie es sie aus Italien („La meglio gioventù“) und, mit Uli Edels „Baader Meinhof Komplex“, auch aus Deutschland gegeben hat.

          Aber schon in der nächsten Szene merkt man, dass es Assayas auf eine ganz andere Weise ernst ist mit seinem Film. Sie spielt in einer Schule in den Vorstädten, wo der Gymnasiast Gilles (Clément Métayer) im Französischunterricht sitzt. Gerade zitiert der Lehrer einen Satz von Pascal: „Zwischen uns und dem Himmel, der Hölle, dem Nichts gibt es nichts als das Leben, die zerbrechlichste Sache der Welt.“ Dazu blickt die Kamera in Gilles’ Gesicht. Es ist der Satz seines Lebens, auch wenn er es jetzt noch nicht weiß.

          Revolution und Esoterik

          Gilles und sein Freund Alain haben sich dem Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft verschrieben. Sie verteilen Flugblätter, verkaufen maoistische Zeitschriften, malen Parolen an die Wände der Schule. Zugleich aber träumen sie davon, Künstler zu werden, Maler, auch wenn sie von ihren linken Kameraden dafür insgeheim verachtet werden. Und sie wollen sich verlieben, herausfinden, was es mit der sexuellen Revolution auf sich hat. Als ihnen der Leiter einer linken Filmkooperative anbietet, sie in den Sommerferien nach Italien mitzunehmen, steigen sie in dessen klapprigen VW-Bus. Auch Christine (Lola Créton) ist dabei, eine junge Aktivistin, die Gilles auf der Demonstration im Februar kennengelernt hat. Und Alain lernt in der Jugendherberge in Florenz eine Amerikanerin kennen, Leslie, die Tempeltanz studieren will und ihm von den Erleuchtungen des Orients vorschwärmt.

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