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Video-Filmkritik : Das System ist ein Vampir

Bild: Kool

Aus Frankreich kommt das politische Kino dieses Herbstes: Pierre Schoellers raffinierter Film „Der Aufsteiger“ blickt hinter die Kulissen des französischen Staatsapparats.

          Der Film beginnt mit einer Telefonkette. Ein Unterbeamter ruft einen Oberbeamten an, der Oberbeamte einen Minister, der Minister seinen Stabschef. Etwas ist passiert, ein Busunfall in den Ardennen mit toten und verletzten Schülern, und jetzt muss der Apparat reagieren, die Machtzentrale, die Politik. Der Hubschrauber ist schon bestellt, der Minister steht vor dem Spiegel, er blickt in sein Gesicht. Dann sagt er: „Wir sind ausgehungerte Tiger in tiefer Nacht.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zuvor aber hat er geträumt, von schwarzvermummten Gestalten, die eine Art Bühne herrichten, ein Amtszimmer mit Schreibtisch und Perserteppich, und auf dem Teppich räkelt sich eine nackte Frau und spreizt die Beine. Dann sieht man ein Krokodil, das sein Maul aufsperrt, und die Nackte beugt sich vor und kriecht in den Schlund.

          Vom Funktionieren der Macht

          Ein Traum, eine Vision, die ganz alleinsteht in diesem traumlosen Film, der von Männern und ihren Geschäften handelt, vom Funktionieren der Macht, wie es der Originaltitel „L’exercice de l’état“ verspricht. Und doch gibt sie den Grundton der Geschichte vor, ihre innere Melodie. Es geht um Gier, Täuschung und List in „Der Aufsteiger“, um Verschlingen und Verschlungenwerden. Und um die Sehnsucht nach Schlaf.

          Bertrand Saint-Jean heißt der Mann, um den sich alles dreht, ein Berufspolitiker, der gerade zum Verkehrsminister ernannt wurde und noch um eine eigene Haltung zu seinem neuen Posten ringt. Als er vom Unfallort in den Ardennen zurückkehrt, wo er Überlebende und Angehörige getröstet und eine vorbereitete Rede gehalten hat, wird er im Fernsehen nach seiner Position zu den Privatisierungsplänen für die französischen Bahnhöfe gefragt. Ohne Zögern antwortet er, mit ihm werde es keine Privatisierung geben. Kurz darauf erfährt er, dass der Finanzminister das Gegenteil gesagt hat. Der Rest des Films handelt unter anderem davon, wie Saint-Jean seinen Standpunkt erst festigt und dann im Interesse der Kabinettsdisziplin von ihm abrückt - und wie er versucht, bei diesem Manöver sein Gesicht nicht zu verlieren. Das ist schwer.

          Zugleich überwach und ständig abwesend

          Olivier Gourmet, der durch die Filme der Dardenne-Brüder berühmt wurde, spielt diesen Saint-Jean als weißes Blatt, das nur durch den Zustrom an Informationen aus seiner Umgebung immer neu beschrieben wird. Zugleich steht Saint-Jean ständig unter dem Druck, das jeweils Angemessene, politisch Opportune und Massenwirksame zu tun. Er ist zugleich überwach und ständig abwesend, und dieser Widerspruch bringt ihn immer wieder aus dem Takt. Einmal verschluckt er sich an einem Croissant, ein andermal übergibt er sich am Rand der Autobahn, und selbst im Bett mit seiner Frau wirkt er nicht wie das Krokodil aus seinem Traum, sondern eher wie ein Mann, der sich daran zu erinnern versucht, wie das Leben war, bevor die Karriere begann.

          Mindestens ebenso wichtig wie Saint-Jean sind seine Berater, sein Stabschef Gilles (Michel Blanc), seine Pressechefin (Zabou Breitman) und andere mehr. Ein amerikanischer Film - in Deutschland gibt es kein politisches Kino - würde sich vermutlich auf diese Figuren konzentrieren, zumal nachdem der Langzeitarbeitslose Kuypers (Sylvain Deblé) als Fahrer bei Saint-Jean anfängt. Es spricht für den Realitätssinn des Regisseurs Pierre Schoeller, dass er ihnen nur Nebenrollen zugesteht.

          Geflecht von Staat, Politik und Medien

          Die Hauptrolle spielt die Struktur, das Geflecht von Staat, Politik und Medien. Es hat die Menschen so fest im Griff, dass sie wie verwischt wirken, Opfer einer Doppelbelichtung aus Sein und Nichtsein. Zwischen all den Sitzungen, Telefonaten, Redeterminen und Interviews bleibt weder Zeit für Liebe noch für Neid und Hass, selbst der Verrat ist reine Routine. Gilles, der Stabschef, ist Saint-Jeans Freund, aber am Ende entlässt er ihn doch, mit einem Achselzucken. „Wir brauchen frisches Blut.“ Das System ist ein Vampir.

          Dieser kühle und genaue Film, mit dem Schoeller seine vor vier Jahren in dem Sozialverlierermärchen „Versailles“ begonnene Erkundung der französischen Wirklichkeit fortsetzt, hat einen verborgenen Hitzepunkt. Es ist der Moment, in dem der Minister seine gewohnten Pfade verlässt und sich selbst bei seinem Fahrer zum Abendessen einlädt. Kuypers, stellt sich heraus, lebt mit einer Krankenschwester (Anne Azoulay) zusammen, die bei Saint-Jean ihren jahrelang aufgestauten Zorn auf den französischen Staat ablädt.

          „Der Staat, eine einzige Misere.“

          Für den Politiker ist es das Zeichen zum Aufbruch. Volltrunken stürzt er aus dem Wohnwagen des Paares auf die Brache, auf der im Eigenbau das neue Haus der beiden entstehen soll, und macht sich mit der Schaufel an die Arbeit. Der Anblick des Verkehrsministers, der mit nacktem Oberkörper in tiefer Nacht die Schippe schwingt, hätte es verdient, ins Bildergedächtnis des europäischen Kinos einzugehen, so genau trifft er das Schwindelgefühl eines sich selbst entfremdeten Populismus, wie er die politische Klasse dieser Jahre beherrscht.

          Dass es in Frankreich noch immer Filme gibt, die sich den großen Fragen unserer Zeit widmen, mag die im eigenen Komödien- und Kostümkinosaft schmorende deutsche Branche überraschen; für den Zuschauer ist es eine der besseren Nachrichten dieses Herbstes. Politik sei eine Wunde, die nie verheile, heißt es in „Der Aufsteiger“, und so muss man auch diesen Film sehen: als Blick hinter den Notverband einer von Werbe- und Fernsehbildern verschleierten Realität. Wie es um den Patienten steht, wissen wir ja: „Der Staat, eine einzige Misere. Ein alter ausgelatschter Schuh.“ Und doch müssen wir mit ihm gehen.

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