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Video-Filmkritik : „Das Schmuckstück“ spannt den Rettungsschirm

  • -Aktualisiert am

Bild: Concorde

François Ozons Film „Das Schmuckstück“ erzählt so altmodisch wie brillant von der Krise einer Regenschirmfabrik.

          4 Min.

          Bei so einem Regenschirm kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Er braucht einen Griff, einen Stiel, eine Reihe von Kielen, der Rest ist wasserdichtes Material, das selten so bunt und poppig ist, wie uns das Kino vor allem in Musicals immer wieder glauben machen will. Wenn in François Ozons neuem Film „Das Schmuckstück“ eine neue Regenschirmkollektion vorgestellt wird, dann geht es allerdings um nicht mehr oder weniger als die Zukunft der globalisierten Wirtschaft: Das Design ist das eine, das andere sind die Japaner, die im Jahr 1977 auch schon auf dem Markt sind, und die Chinesen, die auf den Markt drängen. Dem kann man nur begegnen, indem man nicht nur Dutzendware und gedeckte Farben anbietet, sondern echte Hingucker, zum Beispiel die neue Reihe „Kandinsky“, die, inspiriert von moderner Kunst, manchem Mitarbeiter der Regenschirmfabrik Pujol ein wenig „knallig“ vorkommt.

          Dieses Urteil trifft auch ganz gut den ganzen Film, in dem der vielseitigste der französischen Regisseure der Gegenwart sich und uns einen nostalgischen Scherz mit weitreichenden aktuellen Implikationen gönnt. „Das Schmuckstück“ (“Potiche“) beruht auf einem dreißig Jahre alten Boulevardtheaterstück gleichen Namens von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy. Die Mechanik dieser Komödie ist im Film noch deutlich zu erkennen.

          Im Zentrum steht eine Unternehmerfamilie, die Pujols, die seit Jahrzehnten von den Profiten einer Regenschirmfabrik leben. Der cholerische Patron Monsieur Pujol (Fabrice Luchini) reibt sich in Auseinandersetzungen mit der aufmüpfigen Belegschaft auf, während seine schöne Gattin Madame Pujol (Catherine Deneuve) untätig zu Hause herumsitzt, schlechte Gedichte schreibt und ganz gut ein bisschen Abwechslung gebrauchen könnte.

          Depardieu als katalytische Figur

          Diese kommt in dem Moment, in dem ihr Mann von den Arbeitern in der Fabrik festgesetzt wird und nur noch der altgediente kommunistische Gewerkschafter Babin (Gérard Depardieu) als Vermittler in Frage kommt. Er ist die katalytische Figur, die all das in Gang bringt, was Barillet und Grédy in bester Tradition ihres Genres an die Oberfläche holen und dort für hübsche Missverständnisse sorgen lassen: Geheimnisse, Bedürfnisse, Erkenntnisse.

          Babin ist das Schreckgespenst der Besitzer der Produktionsmittel, er war aber auch einmal ein gutaussehender junger Mann, von dem wir beiläufig erfahren, dass er der damals jung verheirateten Madame Pujol vor vielen Jahren bei einer Reifenpanne behilflich sein konnte - den Rest kann man sich denken, man bekommt ihn in einer schönen Rückblende in eine golden leuchtende Vorvergangenheit aber auch zu sehen.

          Das Wachstumsmodell in der Krise

          Ozon hat die Handlung nicht in die Gegenwart verlegt, sondern eine Art „period picture“ gemacht, das einen der interessantesten Momente der jüngeren Vergangenheit aufsucht. Das Jahr 1977 markiert ja auch ziemlich genau das Ende der „trente glorieuses“, jener dreißig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen es in Frankreich nur aufwärts ging und der Wohlstand für fast alle zu reichen schien, selbst für die ideologischen Gegner.

          In den siebziger Jahren geriet dieses Wachstumsmodell in eine Krise, in der unsere Gegenwart entstand: Die Welt des „Kapitalismus und wilden Liberalismus“, wie sie in einem Dialog im „Schmuckstück“ schon antizipiert wird. Der gereizte Fabrikant Pujol steht für ein ausbeuterisches Modell, er misstraut den Werktätigen, lässt seine Sekretärin „die Beine breitmachen“ und tätigt geschäftliche Abschlüsse bevorzugt im „Badaboum“, einem anrüchigen Etablissement, in das er seine Frau niemals mitnehmen würde. Seine gesundheitliche Krise ist auch die Krise dieses raubbauenden Systems, doch was tritt danach an dessen Stelle?

          Ebenso altmodisch wie hintersinnig

          Hier erweist sich Ozons Film als ebenso altmodisch wie hintersinnig. Denn zuerst einmal gibt es eine geradezu paradigmatische Ablösung: Der Klassenkampf der sturen Männer wird beendet durch weiblichen Ausgleich. Madame Pujol übernimmt in Abwesenheit ihres rekonvaleszenten Mannes die Leitung der Fabrik, sie ist es, die mit neuen Kollektionen den geschäftlichen Erfolg ankurbelt, und in bester Patronatsmanier hält sie auch ihre schützende Hand über die Werktätigen, die nun wieder eifrig bei der Sache sind.

          Das Modell eines benevolenten Unternehmertums ist natürlich zu schön, um von Dauer sein zu können, zumal die Pujols ja auch noch Kinder haben, von denen Joëlle (Judith Godrèche) eher nach dem Vater schlägt, während Laurent (Jérémie Renier) ein typisches Muttersöhnchen ist - er entwirft auch die „Kandinsky“- Regenschirme und gibt damit in der Logik der Boulevardkomödie auch schon seine eigentliche sexuelle Orientierung zu erkennen, die er bisher noch (auch vor sich selbst) geheim gehalten hat.

          Geschäftsentscheidungen der ödipalen Art

          So entsteht gerade durch die Übertragung des familiären Modells auf die Welt der Wirtschaft der (System-)Konflikt, auf dessen Ebene der Film erst so richtig spannend wird. Denn eine Hausfrau kann sich zwar als Regenschirmherrin neu erfinden, es sind aber gerade die Konflikte der Familie, die das Gedeihen der Fabrik wieder aufs Spiel setzen. Den Höhepunkt erreicht diese Dynamik in einer Aktionärssitzung, in der die Pujols bis auf zwei Vertreter des Streubesitzes unter sich sind und in der eine geschäftliche Entscheidung fällt, die eindeutig ödipal motiviert ist.

          Und so wird zunehmend deutlich, dass Ozon wohl bewusst war, dass er mit dieser Boulevardkomödie von der „Schmuckvase“ (die irgendwann vor Vernachlässigung „überläuft“) handelt, ein Gefäß zur Verfügung hatte, in dem er einen wahren Zaubertrank anrühren kann. Er hat ja schon mehrfach erfolgreich mit Theatervorlagen gearbeitet, zum Beispiel in seiner Adaption von Fassbinders „Tropfen auf heiße Steine“, vor allem aber in seinem großen Hit „8 Frauen“ (2002), in dem er die gesamte weibliche Elite des französischen Kinos zu einem „murder mystery“ mit viel Treppauf, Treppab versammelte. Was damals ein eher klassizistisches Späßchen mit tollen Schauwerten ergab, wiederholt sich in „Potiche“ in einer wesentlich reflektierteren Form, in einem Spiel, in dem die Komödie nicht nur Vorlage, sondern selbst Produktionsmittel ist.

          Überführung in ein weises Matriarchat

          Denn Madame Pujol gibt zwischendurch in einer wie hingesagten Bemerkung zu erkennen, dass sie durchaus über ein (negatives) Rollenmodell verfügt: Es ist die Marie Antoinette, deren Bild viele aus Sofia Coppolas Film noch in Erinnerung haben - das Bild eines Schmuckstücks, vor dessen Balkon die revolutionären Massen rumoren. Daran schließt Ozon ganz deutlich an mit einer Vision, die den Antagonismus in ein weises Matriarchat überführt. Das wäre nun allerdings blanke Schönfärberei, würde er es dabei bewenden lassen. Aber es gibt dann eben noch einen weiteren Akt, den er weitgehend dazuerfunden hat, eine letzte Verlagerung der Ebenen, und hier erst findet das „Schmuckstück“ des Beginns seine wahre, neue Rolle. Wieder dringt Madame Pujol damit in eine Männerdomäne ein, wobei nicht mehr ganz so klar ist, ob ihre simplen Ausgleichsmodelle auch hier funktionieren werden.

          In diesem Zusammenhang gewinnt der Regenschirm dann noch einmal an Bedeutung, denn Ozon kann sich eine Anspielung nicht verkneifen, die uns alle auf unseren zugewiesenen Ort unter dem „parapluie immense“, unter dem sehr, sehr großen Rettungsschirm der Politik verweist. Ob wir diesen Versprechungen nach „Potiche“ noch glauben wollen? Der Zweifel daran ist nicht das geringste Verdienst dieses wunderbar komischen und seltsam klugen Films.

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