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Video-Filmkritik : „Das Schmuckstück“ spannt den Rettungsschirm

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Hier erweist sich Ozons Film als ebenso altmodisch wie hintersinnig. Denn zuerst einmal gibt es eine geradezu paradigmatische Ablösung: Der Klassenkampf der sturen Männer wird beendet durch weiblichen Ausgleich. Madame Pujol übernimmt in Abwesenheit ihres rekonvaleszenten Mannes die Leitung der Fabrik, sie ist es, die mit neuen Kollektionen den geschäftlichen Erfolg ankurbelt, und in bester Patronatsmanier hält sie auch ihre schützende Hand über die Werktätigen, die nun wieder eifrig bei der Sache sind.

Das Modell eines benevolenten Unternehmertums ist natürlich zu schön, um von Dauer sein zu können, zumal die Pujols ja auch noch Kinder haben, von denen Joëlle (Judith Godrèche) eher nach dem Vater schlägt, während Laurent (Jérémie Renier) ein typisches Muttersöhnchen ist - er entwirft auch die „Kandinsky“- Regenschirme und gibt damit in der Logik der Boulevardkomödie auch schon seine eigentliche sexuelle Orientierung zu erkennen, die er bisher noch (auch vor sich selbst) geheim gehalten hat.

Geschäftsentscheidungen der ödipalen Art

So entsteht gerade durch die Übertragung des familiären Modells auf die Welt der Wirtschaft der (System-)Konflikt, auf dessen Ebene der Film erst so richtig spannend wird. Denn eine Hausfrau kann sich zwar als Regenschirmherrin neu erfinden, es sind aber gerade die Konflikte der Familie, die das Gedeihen der Fabrik wieder aufs Spiel setzen. Den Höhepunkt erreicht diese Dynamik in einer Aktionärssitzung, in der die Pujols bis auf zwei Vertreter des Streubesitzes unter sich sind und in der eine geschäftliche Entscheidung fällt, die eindeutig ödipal motiviert ist.

Und so wird zunehmend deutlich, dass Ozon wohl bewusst war, dass er mit dieser Boulevardkomödie von der „Schmuckvase“ (die irgendwann vor Vernachlässigung „überläuft“) handelt, ein Gefäß zur Verfügung hatte, in dem er einen wahren Zaubertrank anrühren kann. Er hat ja schon mehrfach erfolgreich mit Theatervorlagen gearbeitet, zum Beispiel in seiner Adaption von Fassbinders „Tropfen auf heiße Steine“, vor allem aber in seinem großen Hit „8 Frauen“ (2002), in dem er die gesamte weibliche Elite des französischen Kinos zu einem „murder mystery“ mit viel Treppauf, Treppab versammelte. Was damals ein eher klassizistisches Späßchen mit tollen Schauwerten ergab, wiederholt sich in „Potiche“ in einer wesentlich reflektierteren Form, in einem Spiel, in dem die Komödie nicht nur Vorlage, sondern selbst Produktionsmittel ist.

Überführung in ein weises Matriarchat

Denn Madame Pujol gibt zwischendurch in einer wie hingesagten Bemerkung zu erkennen, dass sie durchaus über ein (negatives) Rollenmodell verfügt: Es ist die Marie Antoinette, deren Bild viele aus Sofia Coppolas Film noch in Erinnerung haben - das Bild eines Schmuckstücks, vor dessen Balkon die revolutionären Massen rumoren. Daran schließt Ozon ganz deutlich an mit einer Vision, die den Antagonismus in ein weises Matriarchat überführt. Das wäre nun allerdings blanke Schönfärberei, würde er es dabei bewenden lassen. Aber es gibt dann eben noch einen weiteren Akt, den er weitgehend dazuerfunden hat, eine letzte Verlagerung der Ebenen, und hier erst findet das „Schmuckstück“ des Beginns seine wahre, neue Rolle. Wieder dringt Madame Pujol damit in eine Männerdomäne ein, wobei nicht mehr ganz so klar ist, ob ihre simplen Ausgleichsmodelle auch hier funktionieren werden.

In diesem Zusammenhang gewinnt der Regenschirm dann noch einmal an Bedeutung, denn Ozon kann sich eine Anspielung nicht verkneifen, die uns alle auf unseren zugewiesenen Ort unter dem „parapluie immense“, unter dem sehr, sehr großen Rettungsschirm der Politik verweist. Ob wir diesen Versprechungen nach „Potiche“ noch glauben wollen? Der Zweifel daran ist nicht das geringste Verdienst dieses wunderbar komischen und seltsam klugen Films.

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