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Video-Filmkritik : Das letzte Manöver

  • -Aktualisiert am

Bild: Pandora

Stéphane Robelins Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ erzählt von fünf Senioren, die eine Rentner-WG gründen: ein Spiel mit tiefem Ernst, gemischt von einem exzellenten Ensemble.

          2 Min.

          Das kann ja heiter werden, mag mancher Zuschauer denken, wenn er zu Beginn fünf traute Alte beieinander sitzen sieht und einen davon jenen Vorschlag machen hört, der sich im Titel des Films von Stéphane Robelin wiederfindet.

          Doch aus der überzeugenden Idee wird nicht das ausgelassene Rentnerlustspiel, das zu befürchten ist, wenngleich es an Material dafür nicht fehlt: Man entführt Claude (Claude Rich) aus dem Pflegeheim, in das ihn sein Sohn nach einer neuerlichen, vom Besuch bei einer Prostituierten herrührenden Herzattacke gesteckt hat.

          Bildung einer Alten-WG

          Albert (Pierre Richard) wird von seinem geliebten großen Hund zu Fall gebracht, während Annie (Geraldine Chaplin) mal wieder ihre Liebeskunst aufbieten muss, um den cholerischen Jean (Guy Bedos) auf den Teppich zurückzuholen. Die Bildung einer Alten-WG in dem bisher nur von Jean und Annie bewohnten, mit alten Möbeln und unzähligen Souvenirs vollgestopften Haus dürfte allerdings wohl nirgendwo als unter Frankreichs Filmhimmel derart unkompliziert vonstatten gehen. Kein Streit bricht aus, kaum stören Empfindlichkeiten die Freundschaft, und wenn einmal eine Badewanne überläuft und dann die Möbel im Garten trocknen müssen: Spaß muss sein.

          „Und wenn wir alle zusammenziehen“ ist das französische Gegenstück zu Andreas Dresens „Wolke 9“. Über Sex im Alter muss man nicht lange reden, viel wichtiger scheint es diesen Fünf, das Leben so zu organisieren, dass möglichst keiner der Fürsorge zum Opfer fallen muss. Im Grunde bleibt die Lage jedoch trostlos. Mit dem Krebstod von Alberts Frau Jeanne, verkörpert von der vitalen, warmherzigen Jane Fonda, ist der unsichtbare Gast ins Haus getreten. Geschickt schiebt das Drehbuch gerade ihr eine kleine Romanze zu, so dass Jeanne noch einmal „den Zauber der Jugend“ an ihrer Seite spürt, den der polyglotte Daniel Brühl als helfender Studenten mit seinem feinem Lächeln verkörpert.

          Ein hochkarätiges Ensemble

          Brühl fällt die Rolle der Kontrastperson Dirk zu, die im Leben noch alles vor sich hat. Jane Fonda, die Fitnesskönigin und Friedensaktivistin, Geraldine Chaplin, die einst in Filmen von Carlos Saura, Martin Scorsese oder Pedro Almodóvar glänzte, Pierre Richard, der früher gern ein irrer Typ, später ein verliebter Koch war, Claude Rich, der sich als der sechsundachtzig Jahre alte Senior des Ensembles noch einmal zu einem Liebesmanöver rüsten darf (in Gedenken an das große, mit dem unter René Chair 1955 seine Karriere begann), und der tapfere Guy Bedos, den einst eine enge Freundschaft mit Simone Signoret verband, sie spielen nicht nur Alte, sie sind es in der gnadenlosen Bedeutung des Wortes.

          Eine bessere Wahl hätte der junge Autor und Regisseur Stéphane Robelin bei seinem zweiten Kinospielfilm kaum treffen können. Es liegt ein fast erschütternder Ernst über diesem Spiel mit dem Lebensabend, wie man den letzten Abschnitt begütigend nennt. Doch „Et si on vivait tous ensemble“ ist nicht nur ein gelungener Talentebeweis (den man auch an Ausstattung und Musik erkennt), sondern zugleich ein kleines Memorial für das Altern der Filmgeschichte mit ihren Akteuren.
           

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