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Video-Filmkritik : Das griechische Kino blüht: „Alpen“

Bild: Rapid Eye Movies

Kunstblüte in Krisenzeiten: Yorgos Lanthimos „Alpen“ steht für die erstaunliche Kraft und den Eigensinn des griechischen Kinos.

          Nach„Attenberg“ von Athina Rachel Tsangari kommt  „Alpen“ von Yorgos Lanthimos am Donnerstag in unsere Kinos – und wenn alles mit rechten Dingen zuginge, sprächen jetzt alle  von der erstaunlichen Kraft, dem selbstbewussten Eigensinn und der ästhetischen Chuzpe des Kinos einer darniederliegenden Nation.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber so ist es nicht. „Attenberg“ läuft noch vereinzelt hier und dort, „Alpen“ ist landesweit in etwa einem Dutzend Kinos gebucht. Mehr gibt der Markt offenbar nicht her, dabei ist das griechische Kino das interessanteste, das derzeit in Europa entsteht. Und das ganz ohne Filmförderung und in Zusammenarbeit der Regisseure, die jeweils auch als Produzenten arbeiten.

          Ein Rettungssanitäter, eine Krankenschwester, eine Bodenturnerin und ihr Trainer – das ist die Gruppe, die sich Alpen nennt, und die Hinterbliebenden eine besondere Dienstleistung anbietet: den Verstorbenen zu spielen, in vertrauten, alltäglichen Situationen in dessen Rolle zu schlüpfen, um bei der Überwindung der Trauer behilflich zu sein.  Manchmal nehmen sie ein Requisit, eine Mütze etwa, zu Hilfe, vor allem aber sagen sie Sätze auf, die der Tote gesagt hat.

          Es ist eine seltsame Form eiskalter Trauer, in die der Film diese Tätigkeit übersetzt, und zunehmend wird unklar, wer dieses Spiel mehr braucht – die Hinterbliebenen oder die Darsteller, die sich nach strengen Regeln (keine Beziehung zu den Trauernden aufbauen, keine Intimität, keine Improvisation) in ein Leben schleichen, das der Tod eigentlich beendet hat. Zunehmend bösartiger verhält sich Mont Blanc, der Rettungssanitäter und Kopf der Gruppe, der bei Sterbenden ihre Lieblingsschauspieler abfragt und ein Gespräch über Kaffeebecher zu einer totalitären Angelegenheit machen kann.

          Als die Krankenschwester mit dem Codenamen Monte Rosa  beginnt, die Regeln zu brechen, zerfällt die Geisterwelt. Ein Schlag mit der Keule, statische Bilder, ein verlorener Kampf um Gefühle im Rollenspiel: das ist böse, deprimierend, manchmal clownesk – und unbedingt zum Hinschauen.

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