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Video-Filmkritik : Das geniale Kind im Regisseur kann alles

Bild: Paramount

Nicht Nostalgie, sondern Geschichtsbewusstsein treibt ihn an. Mit allen Mitteln erneuert Martin Scorseses Film „Hugo Cabret“ das Gesicht des Kinos.

          Martin Scorsese, so war das bisher, ist der Regisseur der Männerhelden, der Kenner ihrer Welten. Er weiß, wozu sie fähig sind, und manchmal erlöst er sie doch. Scorsese ist außerdem einer der besten Filmkenner der Welt, und er hat sich in jüngster Zeit um die Restaurierung des Filmerbes gekümmert, als hätte er sonst nicht viel zu tun. Dabei hat er in den letzten fünf Jahren vier Dokumentarfilme gedreht, darunter „Shine a Light“ mit den Rolling Stones und „George Harrison: Living in a Material World“, dazu den Spielfilm „Shutter Island“ und die spielfilmlange Pilotfolge der Fernsehserie „Boardwalk Empire“. Jetzt kommt der Film in die deutschen Kinos, in dem er alles, was er kann, und alles, was er liebt, zusammen auf die Leinwand bringt: „Hugo Cabret“. Es ist ein Kinderfilm.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vor den ersten Bildern hören wir den Zug. Das Räderwerk, das pfeifende Signal, und wenn das erste Licht auf die Leinwand fällt, rast die Kamera über Paris hinweg - es ist Nacht, wir sehen die Lichter, die Schienen, und wir kommen schließlich in die Gare Montparnasse und dort über die Menschen, die hin und her eilen, über den hinkenden Stationsvorsteher, die Blumenfrau, die Kaffeehausbesitzerin mit ihren Gästen, den Spielzeughändler mit seinen aufziehbaren Mäusen hinauf zur großen Uhr und durchs Ziffernblatt bei der Nummer vier hindurch auf ein Kindergesicht: das Gesicht von Asa Butterfield, dem Darsteller des Titelhelden.

          Das alles in 3D, und wir sehen sofort: Es stimmt, was Scorsese einmal sagte, dass nämlich diese Technik uns nicht nur auf überwältigende Weise in Aktionen und Bewegung einbinden kann, sondern uns die Gesichter näherbringt. Uns die Menschen zeigt, sofern der Regisseur das will. Wenn er überhaupt hinschaut. Wenn er Scorsese heißt (und nicht James Cameron).

          Die Armee der Erwachsenenbeine

          Hugo lebt allein, warum das so ist, erfahren wir im Lauf des Geschehens, und er hält die Uhren im Bahnhof in Schuss, er zieht sie auf, korrigiert die Zeit, repariert hier ein Zahnrad, dort einen Zeiger. Er ist ungefähr zwölf, und er ist arm. So arm, dass er nach kleinen Diebstählen in der Bäckerei oder auch beim Spielzeughändler vor dem Stationsvorsteher ausreißen muss, der ihn gern zu den anderen eingefangenen einsamen Kindern ins Waisenhaus stecken würde. Aber niemand kennt die geheimen Wege im Bahnhof so gut wie Hugo, deshalb kann er immer wieder entwischen.

          Er rast durch Schächte und Tunnel, schlüpft durch unbekannte Öffnungen ins Innere des Gemäuers, flitzt Treppen hinauf und hinunter und gelangt so zu seinem Versteck hoch oben bei den Zahnrädern der großen Bahnhofsuhr. Und wir rasen mit ihm schwindelerregende Wendeltreppen hinauf, ducken uns weg in den Versorgungsschächten, nehmen die Kinderperspektive ein, aus der heraus Erwachsenenbeine, wenn sie nach vorn stürmen, die Schlagkraft einer Armee entwickeln.

          Sacha Baron Cohen als Wachmann

          Der Bahnhofsvorsteher, dem Sacha Baron Cohen eine rührend komische, aber auch grausame Einfältigkeit verleiht, die an Harold Lloyd erinnert, hat nach einer Kriegsverletzung ein außenliegendes künstliches Kniegelenk, das immer wieder mal einschnappt und ihn erst nach einem Schlag gegen das Kugellager wieder das Bein beugen lässt.

          Alles ist mechanisch hier, auch das Sortiment des Spielzeughändlers, und wie im Slapstickkino durchzieht die Geschichte eine Reihe von Running Gags, die jedes Mal aufs Neue komisch sind, rührend und anspielungsreich. Außerdem hat Scorsese eine Riege wunderbarer Darsteller in kleinen Rollen verpflichtet, darunter Christopher Lee als Bibliothekar und Ray Winstone als Hugos brutalen Onkel Claude.

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