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Video-Filmkritik : Das blässliche Böse: „Ein Quantum Trost“

Bild: Sony

James Bond, der Retter der westlichen Welt, wird bei seinem zweiundzwanzigsten Auftritt endgültig zu einem ganz normalen Actionhelden. Keine Frage: Der Mann steckt in einer tiefen Identitätskrise.

          Ob einer zum Helden wird oder nicht, das hängt weniger von ihm selber ab, als vom Schurken, denn es gehört zu den eisernen Gesetzen nicht nur des Kinos, dass der Schurke einen Mann zum Helden machen kann, dass es umgekehrt aber nicht funktioniert. Ob einer es im Kino zum erfolgreichen Action- oder Superhelden bringt, das hängt natürlich auch von der Qualität seines Widersachers ab - aber weit mehr noch von der Konkurrenz der Helden, gegen die er sich vor den Augen des Publikums behaupten muss.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als James Bond Anfang der sechziger Jahre zum Himmel der Kinohelden aufstieg, war es eher einsam um ihn, und über die Jahre hat er in Gestalt von Sean Connery so hart an seinem Alleinstellungsmerkmal gearbeitet, dass andere Superhelden ziemlich blass gegen ihn wirkten. Doch als Sean Connery abtrat und - schweigen wir von George Lazenby - von Roger Moore beerbt wurde, also um die Mitte der siebziger Jahre, da wurde die Luft schon dünner, weil der Brite neben Dirty Harry sehr versnobt und wenig zupackend wirkte und weil die Zahl der Bondgirls im Angesicht des alternden Agenten ziemlich unglaubhaft erschien.

          Zunehmende Konkurrenz für den Actionhelden

          Während Moores langer, viel zu langer Amtszeit, die erst 1985 zu Ende ging, drängten nach und nach andere Heroen ins Geschäft - und verdrängten den Agenten Ihrer Majestät. Neben dem Rocky-Rambo Sylvester Stallone, neben Harrison Ford als Indiana Jones oder Mel Gibson als Mad Max machte Moores Bond keine besonders eindrucksvolle Figur, und auch sein Nachfolger Timothy Dalton musste sich nicht nur gegen das Leitfossil dieser Action-Ära, Arnold Schwarzenegger, behaupten, sondern auch die hemdsärmlige Dynamik von Bruce Willis aushalten.

          Und weil sich mit der Welt auch die Welt des Kinos veränderte, musste sich auch Bond verändern, nur zögerlich allerdings, weil sein Image durch das Broccoli-Imperium, welches die Lizenz an der Kunstfigur besitzt, scharf kontrolliert wird; einfach war es auch nicht für Pierce Brosnan, gegen die wachsende Zahl von Comic-Supermännern mit übernatürlichen Kräften anzutreten. Was Bond ausmachte, die Macho-Attitüde und die entschlossene Weltenrettergeste, das konnten andere auch, und im Geheimdienstmilieu gab es seit dem Ende des Kalten Krieges ein gewisses Schurkenvakuum, zumindest eine Unsicherheit, das Böse in der Welt zweifelsfrei zu identifizieren; Bond einfach in den Kampf gegen den islamistischen Terror zu schicken, das kam aus politischen Gründen auch nicht in Frage.

          Annäherungsstrategien

          Das Broccoli-Imperium setzte auf Wandel durch Annäherung an andere Helden, wobei die Bond-Serie allerdings das Pech hatte, genau darin übertrumpft zu werden, worin sie im Actiongenre Pionierarbeit geleistet hatte: in der Choreographie halsbrecherischer Stunts und im Einsatz von immer aufwendigeren Spezialeffekten.

          Erst mit Daniel Craig als neuem Bond wurde das Ruder herumgerissen. Craig war Arbeiterklasse, trotz gutsitzender Anzüge, trotz Parkettsicherheit in Casino und Luxushotel, er war ein Aufsteiger mit massivem Oberkörper, austrainiert und so gefährlich, dass er ebenso gut auch der Repräsentant des Bösen hätte sein können.

          Weniger Martini, mehr Plot

          Innere Dämonen plagten auf einmal den sonst ungerührten 007, und das war, wenn man die tiefe Identitätskrise der Figur betrachtet, gutes Krisenmanagement, denn es muss ja immer wieder die Frage neu beantwortet werden, was Bond tun kann, ohne aufzuhören, Bond zu sein. Zu viel Bond hatte die Kunstfigur allmählich der Lächerlichkeit preisgegeben, seine Luftnummern waren ins Zirzensische abgerutscht, und sein Begleitpersonal wie Q oder Miss Moneypenny war längst reif fürs Seniorenheim.

          „Casino Royale“, der vor zwei Jahren auf einmal so viele nostalgisch werden ließ, war der Versuch, das Image zu retten, nach der Maxime aus dem „Leoparden“: „Wenn alles beim Alten bleiben soll, muss alles sich ändern.“ Ohne Moneypenny und Q's angestaubte Technikspielereien, mit weniger Martini, mehr Plot und mehr physischer Präsenz.

          Kein Ersatz für Eva Green

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