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Video-Filmkritik : Clooney, auf Eis gelegt: „The American“

Bild: Tobis

Tiefgefroren gibt George Clooney in „The American“ einen amerikanischen Auftragskiller, den es mitsamt alter Schuld und Ausstiegsgedanken in die Abbruzzen verschlagen hat.

          3 Min.

          „The American“ wird, aller Voraussicht nach, als der Film in die Kinogeschichte eingehen, in dem George Clooney neunzig Minuten lang nicht ein einziges Mal gelacht, gelächelt oder gegrinst hat.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der ganze Charme, die gewinnenden Gesten, Eloquenz und Witz - alles auf Eis gelegt.

          Die Farben seiner Anzüge, Pullover, Hosen oder Mäntel - gedeckt, dunkel, erdig, wie die Herbstkollektion eines ambitionierten italienischen Schneiders, der seinem Model verboten hat, auch nur eine Miene zu verziehen, während es durch ein kleines Abruzzenstädtchen schlendert oder sich in dessen Umgebung umschaut.

          Der Held ist also ein Rätsel, dem sein Rätselcharakter ins Gesicht geschrieben steht, auch sein Dialog hätte mühelos auf zwei Karteikarten Platz gefunden - und er ist damit ein alter Bekannter, im Kino zumindest. „The American“ gehört zur Spezies der einsamen Auftragskiller. Er schweigt und handelt und geht keine persönlichen Beziehungen ein, er ist ein Archetyp des Kinos. Natürlich denkt man an Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ (“Le Samouraï“), an den Clint Eastwood der frühen Westernjahre, an Steve McQueen - und ein wenig auch an Jim Jarmuschs „The Limits of Control“, der dem Killer noch dekonstruktivistischer zu Leibe rückte als jetzt Anton Corbijn in „The American“; Corbijn, der Fotograf, der vor drei Jahren über Ian Curtis, den Sänger von Joy Division, seinen ersten Kinofilm drehte, der „Control“ hieß.

          Die Grenze des Kontrollierbaren

          Die Arbeit an Archetypen hat immer auch etwas von der Herrichtung einer Schaufensterpuppe. Auf die Basismerkmale reduziert, muss sie wieder eingekleidet werden, mit neuen Accessoires für eine neue Variation. Die Zutaten müssen sorgfältig ausgewählt und auf maximalen Distinktionsgewinn hin kalkuliert werden. Und weil es nicht bloß darum geht, das Handwerk des Tötens zu dokumentieren, sondern es in eine moralische Erzählung einzubetten, gehören zum Versuch, einen Mann so reibungslos funktionieren zu lassen wie ein Uhrwerk, die Störfaktoren - „The Limits of Control“ eben.

          Bei Corbijn markiert eine Frau die Grenze des Kontrollierbaren. Die sprichwörtliche Hure mit dem Herz aus Gold. Clara (Violante Placido) findet Gefallen an ihrem Kunden, offeriert ihre Dienste gratis, und indem sie sich ihm zuwendet, lockt sie ihn auch ein wenig aus der Deckung. Die zweite Frau dagegen, eine kühle, schöne und unnahbare Killerin (Thekla Reuten), interessiert sich mehr für Reichweiten, Kaliber und Schalldämpferleistung als für Reibungshitze.

          Das Paranoide steht ihm gut

          Clooneys Killer, den man Jack oder Edward oder Mr. Butterfly nennen kann, hat Schuld auf sich geladen, ganz zu Anfang, im Morgengrauen einer schwedischen Schneelandschaft, wo er in einer einsamen Hütte mit einer schönen Frau vorm Kamin sitzt. Er erschießt die Männer, die ihn umbringen wollen, und er erschießt die Frau, weil sie eine lästige Zeugin ist. Im nächsten Bild ist er schon in Rom, an der Stazione Termini, er trifft einen gewissen Pavel, und es wird schnell klar, dass Jack weniger ein souveräner Auftragnehmer ist, der Preis und Konditionen diktiert, sondern eher ein abhängig Beschäftigter, der aussteigen will, aber noch Schulden abzutragen hat. Nur noch der berühmte letzte Job, der erledigt werden muss, und dann ...

          Der Killer ist auch noch in einem unmetaphorischen Sinn ein Handwerker, er ist spezialisiert auf die Maßanfertigung von Gewehren und Munition. Anton Corbijn verwendet viel Zeit darauf, zu zeigen, wie er in dem Abruzzen-Städtchen vor sich hinwerkelt, wie er in einer Autowerkstatt das geeignete Rohmaterial besorgt, wie er wiegt und misst und feilt. „Sie haben die Hände eines Handwerkers, nicht die eines Künstlers“, sagt der Priester zu Jack, weil er ihm den Fotografen auf Motivsuche nicht abnimmt. Clooney macht unbeirrt weiter seine Liegestütze, arbeitet, schlägt den Kragen hoch, ist immer auf der Hut und merkt beim Beobachten, dass er erst beobachtet und dann auch bedroht wird. Dieser leicht paranoide Touch steht ihm gut, er sorgt für Körperspannung, bringt kaum merkliche Bewegung in die minimalistische Mimik und lässt ihn wachsam sein für den Showdown.

          Alles gewogen, vermessen, ausgefeilt

          Das Eigenartige an Corbijns Film ist, dass er praktisch alles richtig macht und doch seine Welt nicht zum Leben erwecken kann. Die Bildkompositionen sind so klar und brillant, wie man das bei einem gelernten Fotografen erwartet; keine Spur von den süßlich-pittoresken Ansichten der visuellen Toskana-Fraktion, die den Kinoblick auf Italien dominiert. Auch der langsame Rhythmus und der geringe Anteil an Action passen zu einer Geschichte, die von Geduld, minutiöser Planung und Abwarten handelt. Und auf George Clooney kann man selbst dann noch bauen, wenn er seinen Charme eingefroren hat.

          Aber ohne dass man den Schluss ausplaudern, ohne dass man von Buße oder Erlösung erzählte wollte - aus der Konstruktion ist auch am Ende kein organisches Ganzes geworden; da ist kein noch so kleiner Sog, der einen hinein zöge, und da ist auch nicht die entschlossene Kälte, die man bewundern könnte wie ein kompliziertes, aber geglücktes Experiment. Im Grunde gleicht der Film der Tätigkeit seines Protagonisten: makelloses Handwerk, alles präzise gewogen, vermessen, ausgefeilt. Aber eben auch nicht mehr.

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