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Video-Filmkritik : Das Glaspantoffeltierchen

Bild: Disney

Kenneth Branagh hat das Märchen von Aschenputtel nach der berühmten Disney-Zeichentrickvorlage neu verfilmt. „Cinderella“ ist ein schamlos hübsches, dabei gar nicht dummes Fest.

          Lange vor der großen Ballnacht, auf deren Höhepunkt Aschenputtel endlich in den Armen des stattlichen Prinzen durch die Mutter aller Festsäle gleiten darf wie ein seliges Luftkissenfahrzeug der Liebe, zeigt dieser Film, was er am allerbesten kann: tanzen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Er braucht dazu nicht einmal immer Musik, so wenig wie eine neue, eigene Geschichte. Das Märchen, dem er folgt, kennen eh alle, im Hinterkopf summt es unentwegt mit, während der Film sich als breiter Glitzerglasur-Strom völlig unironischer Hingabe ans Wunderliche, Wunderbare und Widersinnige über Herzen und Hirne des Publikums ausgießt.

          Spitznasig witzig und breit grinsend

          Die Show beginnt mit dem Trudelflug zweier Himmelsvögel, die aus dem Disney-Präsentationsrahmen in die Handlung fallen wie Anführungszeichen, die man sich spart, weil man den Zauber ernst meint. Es ist der erste von vielen guten Einfällen: verträumten, versponnenen, spitznasig witzigen und breit grinsenden - drollige Mäusepferde, haarsträubende Gänsekutscher, finstere Lügen und Pläne von langer Hand, in die sich die Figuren zwischen Zuckerbäcker-Staatsnotstand und Gesellschaftsroman für Vierzehnjährige verstricken, bis sie vor Ausweglosigkeit im Takt einer Operette zappeln, die Jacques Offenbach nach einem Libretto von Jane Austen hätte komponiert haben können.

          Die schauspielerischen Einzelleistungen in dieser Bonbonschachtel lassen nichts aus, was wirkt: Cate Blanchett als böse Stiefmutter bellt Befehle wie Mutter Wolf im Räuberrudel, lauert wie eine Spinne, die ihre Netzmuster aus der „Vogue“ hat, und schleicht durchs Bild, als müsste sie ihre Gage allein mit teuflischem Kostümknistern verdienen. Stellan Skarsgård steppt als Palastintrigant zwischen den romantischen Spontanentschlüssen seines Prinzen hindurch, als wären es Gewehrkugeln, die ihn nicht treffen können. Derek Jacobi als hinfälliger, aber charismatischer König strahlt die gefährdete Würde altirakischer Kunstschätze unterm Fanatikerhammer aus. Sophie McShera und Holliday Grainger als garstige Stiefschwestern benutzen einander in hysterischen Slapstick-Einlagen wechselseitig als Niveau-Limbostangen - jeder Gag eine neue Unterbietung, jede Bosheit eine Niedertracht von atemberaubender Bescheuertheit. Und Helena Bonham Carter als vor lauter Wohlwollen für die Heldin komplett übergeschnappte gute Fee sagt von sich bescheiden, aber wahr, sie sei „good at shoes“ - ein Satz, den Madonna demnächst dringend mal singen sollte, um ihre Kritiker zu disziplinieren.

          Branagh als schamloser Allround-Unterhalter

          Am schönsten aber erledigt seine Aufgaben das Paar im Zentrum der Geschichte. Richard Madden als Prinz spricht und bewegt sich so ritterlich, dass die Pferde in der Hofreitschule für ihn Schlange stehen, und Cinderella, nämlich Lily James, gibt alles: heilige Seidenpapiernachtigall, was für ein selbstsicheres Herzchen! Für die Wespentaille ist Frau James schon angegriffen worden, das sei kein Vorbild für junge Mädchen (stimmt, und Eltern, deren Söhne als Batman verkleidet schummelnde Mitschüler hinrichten, sollten sich strengen Fragen stellen). In anderer Hinsicht aber verdient diese Cinderella unbedingt Nachahmung von ihren jüngsten Fans: Ob sie ihrem melancholischen Vater literarische Klassiker vorliest, das Wild im Wald vor der Jagd beschützt oder der Dämonin Blanchett die Stirn bietet - immer behält sie das Heft in der Hand, und selbst wenn sie nicht im Bild ist, dreht sich alles um sie. In einer ihrer besten Szenen hört man sie lediglich singen, und schließt man dazu die Augen, sieht man wuschelige rosa Einhörner, die nicht alle Tassen im Schrank haben, auf mit Sekt gewaschenen Regenbögen Männchen machen.

          Derlei ist hier möglich, weil der zwischen Superheldenbombast („Thor“) und Feenjokus zum erfreulich schamlosen Allround-Unterhalter gereifte Regisseur Kenneth Branagh und sein Drehbuchautor Chris Weitz für die Großrevue der Einzeltalente eine stabile Bühne zusammengezimmert haben. Die Grundidee ist simpel und besteht in der klassisch modernen Antwort auf die Frage „Wie interessiert man ein Publikum, dem seine Lieblingsmedien den Unterschied zwischen Alt und Neu, in und out täglich tausendmal einbimsen, für etwas, das man mit dem zutreffenden Adjektiv ,zeitlos‘ bei solchen Leuten sofort erledigt?“

          Nicht aktualisiert, sondern historisiert

          Branagh und Weitz haben mit dem „Cinderella“-Stoff und dem Disney-Animationsfilm von 1950 für ihre in Spektakeldingen durchaus anspruchsvolle Gegenwartsklientel dasselbe getan, was Joyce im „Ulysses“ mit Homers „Odyssee“ angestellt hat, nämlich das mythische Zeug eben nicht aktualisiert, sondern historisiert. Dublin war ja, als Joyce’ Buch erschien, schon nicht mehr so, wie er sich’s als Schauplatz für seinen modernen Odysseus eingerichtet hat, und die Welt, in die Branagh und Weitz ihr Aschenputtel setzen, ist ebenfalls Vergangenheit: das Ende des Mittelalters nämlich, der aufgeklärte Absolutismus, als die klügsten Fürsten sich mal mit dem Adel gegen die aufstrebenden Bürger, mal mit diesen gegen den zurückgefallenen Adel arrangierten, um selbst an der Macht zu bleiben. Der Staatsapparat, in „Cinderella“ vertreten durch Skarsgård, bevorzugt die adlige Option und will den Prinzen mit einer Blaublütigen von auswärts verkuppeln. Der junge Fürst aber erwählt das Mädchen aus dem tüchtigen und tugendhaften Volk, kurz: dem Bürgertum, das es heute so längst nicht mehr gibt.

          Es war einmal: Alle treten beiseite, die Edlen wie die Geschäftstüchtigen, wenn der Fürst auf dem Ball dem als schüchterne Schönheit verkleideten Fortschritt seinen Arm anbietet. Und die errötende Zukunft spricht darauf das Zauberwort: „Dance“.

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