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Video-Filmkritik : Bruderkampf mit Haken: „The Fighter“

Bild: Senator

„The Fighter“ mit Mark Wahlberg und Christian Bale ist eine irre Familiengeschichte - und überzeugt vor allem in den preisgekrönten Nebenrollen.

          Wann führte uns ein Film zuletzt nach Lowell in Massachusetts? In eine Kleinstadt, in der immer nur die Rezession, nie der Boom haltmacht? Hier lebt Micky Ward (Mark Wahlberg). Wir können die giftig heißen Dämpfe gleichsam riechen, wenn er unter glühender Sonne den Teer in die Schlaglöcher auf den Straßen gießt, und in den Innenräumen spüren wir die Kälte, die aus den scheppernden Klimaanlagen kommt und den Rauch der vielen Zigaretten, die in diesem Film geraucht werden, sofort in abgestandenen Gestank verwandeln. Was kann ein kräftiger junger Mann hier werden, wenn er nicht Straßenarbeiter bleiben will? Boxer natürlich.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Geschichte vom Helden aus Verhältnissen, die keinen Aufstieg möglich scheinen lassen, aus dem gegen alle Wahrscheinlichkeit dann doch ein professioneller Boxer und schließlich ein Weltmeister wird, ist oft erzählt worden, auch, weil es nicht wenige Geschichten dieser Art gibt, die aus der Wirklichkeit kommen. So auch diese. Micky Ward wurde im Jahr 2000 Weltmeister im Weltergewicht, und auch der Rest der Geschichte, die David O. Russells Film „The Fighter“ erzählt, soll sich so oder so ähnlich abgespielt haben.

          Von Boxerfilmen sind wir Trainingsszenen gewohnt, blutige Niederlagen, Krach mit der Freundin, Trennung vom Trainer und schließlich den Triumph. So funktioniert die Formel. Das ist nicht immer schlecht, und auch in „The Fighter“ bildet sie das Storygerüst. Wir sind allerdings nicht gewöhnt, dass der erste Trainer der cracksüchtige Halbbruder des späteren Weltmeisters ist, der Manager die am Rand des Pathologischen agierende Mutter, sekundiert von einer siebenköpfigen Schwesternschar, die auch als Vorhut eines Amazonenheers aus dem Land von Oz durchgehen würde, und dass der Film endet, wenn der Aufstieg beginnt.

          Zwischen Crack-Haus und Boxring

          Am Anfang wissen wir nicht einmal, wessen Geschichte wir eigentlich erzählt bekommen. Denn zunächst ist es der Halbbruder Dicky, dem wir folgen und der in die Kamera winkt. Und zwar in die Kamera eines Teams des Fernsehsenders HBO, das eine Dokumentation über Dicky dreht. Er ist ein ehemaliger Boxer, der gern die Geschichte erzählt, wie er einmal Sugar Ray Leonard auf den Boden gezwungen hat. Andere Stimmen behaupten zwar, Sugar Ray Leonard wäre nur ausgerutscht, aber Dickys Familie hält das für eine üble Verleumdung.

          Dicky sieht aus wie ein Gespenst, sein Körper nur mehr ein Skelett, die Wangen ein-, die Zähne ausgefallen. Er wohnt in einem Crack-Haus, und alle außer seiner Mutter wissen, dass er wohl kaum von dort zurückkommen wird. Als Mickys Trainer hat er ein paar Tipps, aber keine Disziplin und auch keine Ahnung, wie aus Micky etwas werden sollte, das ihn anderswo hinbringen könnte als in die nahe Umgebung von Lowell in Massachusetts. Und zwar in Kämpfe, die er nur verlieren kann. Fallobst für bessere Boxer mit besseren Trainern und besseren Managern.

          Eine Geschichte der Emanzipation

          Christian Bale hat für die Rolle von Dicky den Oscar als bester Nebendarsteller gewonnen. Er spielt sie tatsächlich mit Seele und vollem Körpereinsatz, zappelt, was das Zeug hält, grinst irre, findet seinen ganz eigenen Charme, der jeden, vor allem seine Mutter, immer wieder mit ihm versöhnt. Und auch im Entzug, den er, als er schließlich im Gefängnis landet, durchmachen muss, ist er absolut überzeugend - als Christian Bale, der tolle Schauspieler, der wieder einmal eine Paraderolle grandios absolviert.

          Mark Wahlberg fällt hinter ihm zurück, und das ist nicht seine Schuld. Denn während wir eigentlich seine Geschichte sehen sollen, die auch eine Geschichte der Emanzipation von Dicky und dem Rest der Familie ist, heftet sich der Film immer wieder an den Bruder und gibt Micky als Hauptfigur keine rechte Chance. Wahlberg bleibt im Hintergrund, gerade so, wie auch Micky es tat. Bis er in einer Bar Charlene trifft (Amy Adams), das neue Mädchen hinter dem Tresen, das seinen Hintern mit einer Tätowierung über der Pofalte betont und scharfzüngiger und zielstrebiger ist, als es Mickys Mutter je für möglich gehalten hätte.

          Preiswürdige Nebenrollen

          Auch Amy Adams war als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert, und Melissa Leo hat ihn für ihre Darstellung von Mickys Mutter gewonnen. Preiswürdige Nebenrollen - das ist das Problem dieses Films, der immer wieder sein Zentrum aus dem Auge zu verlieren droht und hin- und herschlingert zwischen Boxerfilm (wofür zu wenig geboxt wird), Melo- und Sozialdrama. Doch in dieser unausgeglichenen Mischung sehen wir mehr, als uns wohlbalancierte Filme mitunter zeigen.

          Eine Familie zum Beispiel, in der die Mutter den Vater ganz selbstverständlich mit dem gezielten Wurf einer Bratpfanne zum Schweigen bringt, in der die Töchter eine Art Hexenchor bilden und die Beziehungen zwischen Mutter und Söhnen auf fast absurde Art im Ödipalen hängengeblieben sind. Wir erleben eine Kleinstadt in aller Ärmlichkeit, deren soziales Gefüge derart verzahnt ist, dass es scheinbar kein Entkommen gibt. Dass die Liebe einer starken Frau Micky dieser Umgebung entreißt, gehört zu den schmockverdächtigen Aspekten, denen noch kein Boxerfilm (außer vielleicht Scorseses „Raging Bull“) entrinnen konnte.

          Und dann hört der Film einfach auf. Vor den wichtigen Kämpfen, vor den Triumphen, vor dem Titel. Als wollte der Regisseur uns sagen: Der Rest ist Geschichte. So ist es. Was zählt, ist alles, was davor geschah.

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