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Video-Filmkritik : Blut, das auf Sterne tropft

Bild: Concorde

David Lynch ist Hollywoods böser Geist. Die schillernden Lügen, mit denen die Filmindustrie gutes Geld verdient, zerbricht er in ihre Einzelteile und fügt sie zu gespenstischen Wahrheiten zusammen: Andreas Kilb über „Inland Empire“.

          4 Min.

          Vier Uhr morgens auf dem Hollywood Boulevard. Eine Frau stolpert über den „Walk of Fame“, die mit Sternen gepflasterte Ehrenpromenade des Kinos, schreiend, blutend, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Sie hält sich den Bauch, in den eine Passantin mit einem Schraubenzieher hineingestochen hat, ruft um Hilfe, bricht zusammen und kriecht mit letzter Kraft zu einer Hauswand, an der sich drei Obdachlose ihr Lager für die Nacht bereitet haben. Eine von ihnen beugt sich über die Sterbende, hält ihr ein brennendes Streichholz vors Gesicht und redet beruhigend auf sie ein. „Schau ins Licht ... du wirst das Licht sehen.“ Dann erlischt die Flamme, die Frau mit der Bauchwunde ist tot.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Szene ist der düstere Höhepunkt von David Lynchs neuem Film „Inland Empire“, und sie erklärt zugleich, warum Lynch in der amerikanischen Filmindustrie nie heimisch geworden ist. Er hat keinen Respekt vor ihren Mythen, ihren Heiligtümern. Hollywood ist für ihn kein touristisches Klischee, sondern ein Ort, an dem grausame und unheimliche Dinge geschehen. In „Mulholland Drive“, Lynchs vorigem Film, wird die Straße, die sich unterhalb des Hollywood-Zeichens entlangwindet, zum Schauplatz eines schrecklichen Unfalls. In „Inland Empire“ tropft nun das Blut der Heldin auf die goldenen Sterne im Trottoir, mit denen die Traumfabrik ihre treuen Diener belohnt. Lynch hat keinen Stern am Hollywood Boulevard. Irgendwann wird er einen bekommen - aber nicht, solange er solche Filme dreht.

          Auf dem Film liegt ein Fluch

          „Schau ins Licht.“ Das erste Bild von „Inland Empire“ ist ein Lichtstrahl in einem dunklen Raum; das zweite eine Plattenspielernadel, die sich auf eine Schallplatte senkt. Es geht um das Urerlebnis des Kinos, Hören und Sehen, und zugleich darum, wie es verwandelt, gebrochen, verweigert wird. In der nächsten Einstellung handeln ein Mann und eine Frau, deren Gesichter unkenntlich gemacht sind, in einem Hotelzimmer den Preis einer sexuellen Dienstleistung aus. Dann sieht man eine andere Frau - dieselbe? - vor einem Fernseher sitzen. Auf dem Bildschirm tauschen drei Menschen mit Hasenköpfen in einer Wohnzimmer-Kulisse Belanglosigkeiten aus, dazu gibt es Lacher vom Band. Die Hasenköpfe haben keine Münder. Ihre Träger bewegen sich wie in Trance. Die Szene schildert ein Idyll, und doch spürt man den Anhauch des Grausigen und Unbegreiflichen, der wie ein ewiger Luftzug durch Lynchs Universum weht.

          Die eigentliche Handlung des Films beginnt in einer Hollywood-Villa, in der die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) ihre neue Nachbarin (Grace Zabriskie) empfängt. Nikki, die mit einem reichen polnischen Geschäftsmann verheiratet ist, hat sich um die Hauptrolle in einer großen Studioproduktion beworben. Die Nachbarin, eine knorrige, hexenhafte Alte, verkündet ihr, dass sie die Rolle bekommen wird, aber auch, dass auf dem Film ein Fluch liegt, der Nikkis Leben bedroht. Genaueres erfährt Nikki auf dem Set von „On High in Blue Tomorrows“, wo ihr der Regisseur Kingsley Stewart (Jeremy Irons) die Vorgeschichte des Projekts enthüllt. Denn „On High ...“ ist, wie so vieles in Hollywood, ein Abklatsch: das Remake eines vor vielen Jahren in Deutschland produzierten Melodrams, das nie ins Kino kam, weil die Darsteller des Liebespaares während der Dreharbeiten ermordet wurden. Auch die Story von Stewarts Film endet, wie Nikki erfährt, mit dem Tod.

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