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Video-Filmkritik : Blind für die Depression: „Helen“

Bild: Warner Bros. Pictures

In Sandra Nettelbecks Film „Helen“ erkrankt die Titelheldin, gespielt von Ashley Judd, an klinischer Depression. Doch ihre Krankheit wird nur in homöopathischen Dosen verabreicht.

          „Problemfilm“ ist ein Schimpfwort, das man als Ehrentitel missverstehen kann. Es deutet an, dass es im Kino auch um etwas anderes gehen könnte als den Spaß, den wir uns mit Bildern machen - und dass das Kino sich mit dieser Alternative schwertut. Jeder halbwegs bedeutende Roman ist ein Problembuch, aber in Filmen gehören Probleme in die Schublade, und sei es in die eines Genres. „Social Problem Film“ nennt man in Amerika den sozialkritischen Zweig des Hollywoodkinos, der mit den realistischen Krimis von Warner Brothers in den dreißiger Jahren begann und sich bis in die sechziger Jahre hinein fortsetzte. Viele Klassiker der Filmgeschichte gehören dazu.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Sandra Nettelbecks Film „Helen“ gerät die Titelheldin, gespielt von Ashley Judd, an ihrem Geburtstag in Unruhe. Die Geschenke, die Glückwünsche der Gäste, die bürgerliche Idylle ihres Hauses prallen an ihr ab. Sie spüre, sagt Helen, wie etwas auf sie zukomme, unsichtbar und unaufhaltsam. Ihre Arbeit als Musikprofessorin scheint sie auf einmal zu überfordern, in ihrem Alltag häufen sich Missgeschicke, dennoch wagt Helen nicht, sich ihrem Mann (Goran Visnjic) anzuvertrauen. Als er für eine Dienstreise das Haus verlässt, bricht sie zusammen.

          Ein individuelles Problem

          Die Akademikerin Helen hat kein soziales Problem, sondern ein individuelles: Sie leidet an klinischer Depression. Durch den Selbstmord des deutschen Nationaltorwarts Enke ist diese Krankheit jüngst in die Schlagzeilen geraten, dennoch bleibt sie ein schwieriger Kinostoff. Depression ist ein Zusammenbruch des Selbstgefühls und der Weltwahrnehmung, also das Gegenteil dessen, was sich getreu dem Leitsatz „action is character“ in Bilder übersetzen lässt. Der Kranke geht innerlich kaputt, nur seine Hülle bleibt intakt. Aber gerade an ihr hält sich das Kino fest. So bleibt es blind für die Wahrnehmung des Depressiven. Es sei denn, die Bilder selbst würden wie welke Blätter schrumpfen und zerfallen. Um das auf die Leinwand zu bringen, bräuchte es den Mut eines Experimentalfilmers und das Geschick eines Mainstream-Regisseurs, ein Mittelding zwischen Robert Redford (“Ordinary People“) und David Lynch. Davon ist „Helen“ weit entfernt.

          Sandra Nettelbeck, die Regisseurin, hatte vor acht Jahren mit ihrem Kinodebüt „Bella Martha“ (das auf Englisch „Mostly Martha“ hieß) einen Überraschungserfolg. „Helen“, den sie einer Jugendfreundin gewidmet hat, die an Depressionen litt und 1995 Selbstmord beging, ist Nettelbecks erster in Amerika gedrehter Film. Entsprechend hat sich die Produktion hingezogen: Als die Hauptdarstellerin Gillian Anderson absagte, sprang Ashley Judd ein, Anfang des Jahres lief der Film beim Sundance Festival, ein amerikanischer Kinostart ist nicht in Sicht.

          Immerhin hat Sandra Nettelbeck damit schon deutlich mehr erreicht als ihre Regiekolleginnen Katja von Garnier und Sharon von Wietersheim, die in den neunziger Jahren in Deutschland entdeckt wurden, mit großen Hoffnungen nach Hollywood gingen und sich seither mit mittelmäßigen Projekten durchschlagen müssen. „Helen“ ist ein Film, der bei den Mächtigen der Filmindustrie Eindruck machen dürfte, denn er bringt einen Kinostar aus der zweiten Reihe ohne Rücksicht auf kommerzielle Verluste zum Spielen und eine als „schwierig“ geltende Geschichte zum Sprechen. Wenn auch nicht die Sache selbst.

          Homöopathische Dosen

          Denn auch Sandra Nettelbeck hält sich an das ungeschriebene Gesetz, nach dem in Problemfilmen die Hauptdarstellerin zwar ramponiert, aber nicht wirklich schlecht aussehen darf. Wir sollen uns mit Helen identifizieren, ihrem Kampf um Genesung und Normalität, also wird uns ihre Krankheit, vom Kopfschmerz bis zum Suizidversuch, in homöopathischen Dosen verabreicht. Die klassische Grammatik der Bilder (Kamera: Michael Bertl) bleibt gewahrt, niemand muss, wie manchmal bei Lars von Trier, Angst haben, dass ihm das Kino auf den Kopf fallen könnte. Letztlich sehen wir von Helen immer nur so viel wie ihr geschockter Ehemann, der auch nicht versteht, warum seine Frau plötzlich die Familienfotos vom Schreibtisch fegt.

          Den selbstzerstörerischen Furor, den der Film seiner Heldin nicht erlaubt, projiziert er auf eine Nebenfigur, die Musikstudentin Mathilda (Lauren Lee Smith). Sie ist die überragende Erscheinung in „Helen“, eine Art Veteranin der Krankheit, die ihre Wohnhöhle im Elendsviertel von Vancouver zum Spiegelbild ihrer verletzten Seele gemacht hat. Eigentlich, denkt man, müsste die abgehärtete Mathilda besser mit der Krankheit zurechtkommen als ihre zarter gestrickte Professorin. Aber dann ist es doch die Studentin, die aus der Geschichte verschwindet, um Helens wiedergewonnenes Familienglück umso intensiver leuchten zu lassen. Man weiß nicht, worum man sich bei diesem Happy End mehr betrogen fühlt: um die Wahrheit der Geschichte oder die Wirklichkeit der Depression.

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