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Video-Filmkritik : Bezaubernd und verwirrend: „Lornas Schweigen“

Bild: Piffl

Liebe ist ein schlechtes Geschäft: Mit „Lornas Schweigen“ demonstrieren die Brüder Dardenne ihre filmische Meisterschaft - und zeigen sich völlig zu Recht verliebt in die fremde Schönheit ihrer Hauptdarstellerin Arta Dobroshi.

          4 Min.

          Am Ende ist Lorna im Wald. Allein, auf der Flucht, in einer Hütte ohne Proviant. Da geschieht es, dass sie ihr Schweigen bricht. Zum ersten Mal in diesem Film redet sie mit sich selbst. „Ich werde uns Feuer machen, wir werden uns ausruhen, morgen gehen wir weiter ...“. Sie spricht zu einem Kind, das es nicht gibt, denn Lorna, sagen die Ärzte, ist nicht schwanger. Auch den Vater des Kindes gibt es nicht mehr; er kam durch Lornas Schuld ums Leben. Und doch ist die düstere Hütte ein Ort des Glücks. Denn Lorna ist entkommen: der Stadt und dem Tod. Im Märchen würden ihr jetzt die Tiere des Waldes ein Lager bereiten. Im Kino gibt es nur den Schnitt, der die Geschichte schließt. Kein Happy End. Aber ein Trost.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Filme der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne stehen wie Monolithe in der Landschaft der Kinematographie, sehr einsam, hoch und schroff. All das, was man auf amerikanisch eye candy nennt, die tägliche Augenwischerei des Kinos, verweigern sie ihrem Publikum: die bunten Stories, die Stars, das Rührselige, die Action und den Sex. Statt dessen erzählen sie Geschichten von Waffelverkäuferinnen („Rosetta“), Bauarbeitern („Das Versprechen“), Schreinermeistern („Der Sohn“) und Reinigungshilfen, die um ihre Würde und ihr Lebensglück kämpfen. Die Käuflichkeit des Menschen ist ein wiederkehrendes Motiv bei den Dardenne-Brüdern, weshalb man ihre Filme gern mit denen des Franzosen Robert Bresson („Das Geld“) vergleicht. Aber die Welt der Dardennes kennt, anders als das Universum Bressons, keine Transzendenz, das Religiöse kommt bei ihnen, wenn überhaupt, nur am Rande vor. Ihre Figuren müssen sich ohne jenseitige Sicherheiten im Diesseits durchschlagen, ohne Kirche und ohne Gott.

          Ein kleines Glück

          Auch Lorna hat sich verkauft. Um so rasch wie möglich die belgische Staatsbürgerschaft zu bekommen, hat sie den drogensüchtigen Claudy (Jérémie Renier) geheiratet. Und wenn Claudy, wie erhofft, seiner Sucht erlegen ist, soll Lorna gegen Bezahlung einen reichen Russen heiraten, der durch sie ebenfalls zum Belgier werden wird. So wollen es Lornas Schlepper Fabio (Fabrizio Rongione) und ihr albanischer Freund Sokol (Alban Ukaj). Und so will es auch Lorna. In der ersten Szene des Films sieht man sie am Bankschalter stehen, wo sie Geld einzahlt und ein Kreditgespräch beantragt, denn sie will zusammen mit ihrem Freund ein Imbissrestaurant aufmachen, irgendwo in Lüttich. Ein kleines Glück, ein Dutzendtraum. Lorna trägt dafür ihre Haut zu Markte.

          Doch dann spielt ihr Schein-Ehemann nicht mit. Statt sich eine Überdosis zu verpassen, will Claudy mit den Drogen aufhören, denn er liebt die junge Frau, die er gegen bares Geld geheiratet hat. In der Welt der Dardennes zerbrechen die Geschäftsbeziehungen an den Gefühlen: Stolz, Neid, Eitelkeit, Liebe. In „Das Kind“, ihrem Film von 2005, verkauft ein junger Vater sein Baby, doch dann will er es zurück und löst eine Kette von Komplikationen aus. In „Lornas Schweigen“ hat die gekaufte Braut Mitleid mit ihrem Käufer und bringt dadurch die Pläne des Verkäufers zu Fall. Claudy, überlegt Lorna, müsste nicht sterben, wenn sie sich von ihm scheiden ließe. Aber um eine Blitzscheidung zu erlangen, muss Lorna als Misshandlungsopfer erscheinen. Der Blick, den Claudy ihr in der Entzugsklinik zuwirft, als er sie schlagen soll, und die kraftlose Ohrfeige, die er ihr gibt, setzen andere, tiefere Blicke und Berührungen in Gang. Als Claudy sich wieder Heroin besorgen will, bietet ihm Lorna als Ersatz ihren Körper an. Auf einmal sind Geld und Liebe nicht mehr synonym. Lornas Dilemma ist nicht weniger tragisch als das einer Heldin des Welttheaters, und wäre „Lornas Schweigen“ ein Bühnenstück, könnte sie darüber in langen, erlesenen Monologen räsonieren.

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