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Video-Filmkritik : Bergsteigertragödie: „Nanga Parbat“

Bild: Senator

Zwei Brüder stiegen den Nanga Parbat hinauf, nur einer kam hinunter: Joseph Vilsmaiers Film erzählt die bis heute umstrittene Geschichte von Reinhold und Günther Messner.

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          Und wenn die Kamera dann durch die Rupal-Wand des Nanga Parbat klettert, ganz unten im Tal beginnt und langsam durch Fels und Eis und immer weiter nach oben steigt, 4500 Meter überwindet und erst in einer Höhe endet, in der für gewöhnlich nur Passagierflugzeuge verkehren, dann wird auch jedem Nichtalpinisten klar, der Joseph Vilsmaiers Film „Nanga Parbat“ sieht, dass dieser vertikale Superlativ, die höchste Felswand der Erde, eine ganz besondere Anziehungskraft und Ästhetik besitzt.

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Südtiroler Reinhold Messner war sechsundzwanzig Jahre alt, als er an einer deutschen Expedition nach Pakistan teilnahm, die erstmals durch die Rupal-Wand auf den Gipfel des Nanga Parbat wollte. Das war 1970, und Messner, der Mann, der nur sechzehn Jahre später als erster Mensch alle vierzehn Achttausender bestiegen haben sollte, war gerade erst dabei, berühmt zu werden. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Günther kletterte er damals durch die Alpenwände, als wären es Treppenhäuser. Die Leichtigkeit, mit der vor allem Reinhold sich aufwärts bewegte, hatte den Himalaja als nächstes Ziel regelrecht erzwungen. Günther war nur als Ersatzmann ins Team gerückt, Reinhold hatte ihn vorgeschlagen.

          Die erste Himalaja-Expedition der Messners sollte für Reinhold nicht nur den entscheidenden ersten Höhepunkt einer beispiellosen Bergsteigerkarriere markieren: Sie war zugleich auch ihr bitterster Tiefpunkt. Die Brüder bezwangen die Rupal-Wand und standen gemeinsam auf dem Gipfel. Aber wie so oft bei Bergsteigergeschichten lagen auch 1970 Triumph und Tragödie beisammen: Günther kam beim Abstieg ums Leben. Wie und warum konnte lange nicht geklärt werden.

          Die Leichtigkeit des Steigens

          Vierzig Jahre später hat Joseph Vilsmaier also jetzt die Geschichte der Messner-Brüder verfilmt: „Nanga Parbat“ beginnt in Südtirol. Es sind die fünfziger Jahre, und Reinhold (Florian Stetter) und Günther Messner (Andreas Tobias) wachsen im Villnöß-Tal auf. Klettern die Friedhofsmauer hinauf, messen sich bei Wettläufen auf den Kirchturm. Ein paar Schnitte später sieht man zwei junge Männer, die eine schwindelerregende Felswand in den Dolomiten durchsteigen: Die imposanten Außenaufnahmen, am Ortler gedreht, sind schon eine erste alpinästhetische Einstimmung auf den Nanga Parbat.

          Die Messner-Brüder verkörperten in den sechziger Jahren eine neue Generation von Bergsteigern: Bis heute setzt der sogenannte Alpinstil am Berg auf Individualismus und Schnelligkeit - und verzichtet so weit wie möglich auf überausgerüstete und schwerfällige Expeditionen. Im Film kontrastiert Vilsmaier diesen neuen Stil mit dem Feldherrengehabe des deutschen Expeditionsleiters Karl Maria Herrligkoffer (Karl Markovics): Besessen rekrutiert er eine „schlagkräftige Mannschaft“ und plant den „Angriff auf den Berg“. „Reinhold“, fleht er Messner an, „die Wand muss fallen!“ Der Nanga Parbat galt als „Schicksalsberg der Deutschen“: Herrligkoffers Halbbruder Willy Merkl und acht weitere Bergsteiger und Träger waren 1934 am Nanga Parbat ums Leben gekommen. Bei einer weiteren, von den Nationalsozialisten propagandistisch orchestrierten deutschen Expedition starben drei Jahre später sogar sechzehn Menschen. Den vorläufigen tragischen Schlusspunkt dieser nationalistischen Alpinepoche setzte die Expedition von 1939, in deren Folge der Österreicher Heinrich Harrer sieben Jahre in Tibet verbrachte. Herrligkoffer selbst leitete nach dem Krieg acht Nanga-Parbat-Expeditionen, auch jene von 1953, als Hermann Buhl erstmals den Gipfel erreichte.

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