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Video-Filmkritik: „Babel“ : Der Zufall möglicherweise

Filmkritik: Brad Pitt in „Babel” Bild: FAZ.NET mit Material von Tobis

Der Film „Babel“ von Alejandro González Iñárritus beginnt mit einem verheerenden Schuss. Er hallt durch die Episoden, die in vier Welten und auf drei Kontinenten spielen.

          Es wird kein Turm gebaut in Alejandro González Iñárritus neuem Film „Babel“. Auch die Götter zürnen nicht, sie sind längst anderswo, falls es sie je gab. Und obwohl neben Englisch auch Spanisch, Japanisch, die Berber- und selbst Zeichensprache benutzt werden, um sich zu verständigen, ist Sprachverwirrung, jedenfalls im biblischen Sinn, nicht das Thema. Vielmehr geht es um eine umfassende Verständnislosigkeit, die auch Sprache, selbst wenn alle dieselbe sprächen, nicht überbrücken kann. Weil González Iñárritu in seinem Verhältnis zum Kino ein Romantiker ist, sieht er da, wo Sprache versagt, die Macht der Bilder in Kraft gesetzt und baut auf die Universalsprache des Films. Deshalb scheint „Babel“ dann doch der richtige Titel für diesen Film, der in der marokkanischen Wüste, in Südkalifornien, in einem mexikanischen Dorf und in Tokio spielt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Niemand versteht so recht, was eigentlich in seinem Leben, seiner Welt und mit seinem Gegenüber vor sich geht und warum, und auch der Zuschauer, wenn er gewöhnt ist, seinem Verstand zu trauen, ist erst einmal ratlos. Aber selbst in diesem argwöhnischen Zustand überzeugen uns die Bilder von Kameramann Rodrigo Prieto, die harte Gegenüberstellung extremer Nahaufnahmen und gerissener Panoramaschwenks, die sich mit sanft bewegten Fahrten, wackeligen Handkamera- oder überwältigenden Nachtaufnahmen abwechseln, je nachdem, in welchem Teil der Geschichte und der Welt wir uns gerade befinden. Was wir sehen, ist glaubhaft, auch wenn die Künstlichkeit der Konstruktion ebenso evident ist.

          Episoden aus vier Welten

          Mit einem verheerenden Schuß, der über die Kontinente zu hallen scheint, beginnt die Geschichte, deren Drehbuch Guillermo Arriaga wie schon in den beiden vorangegangenen Kooperationen mit González Iñárritu (“Amores Perros“ und „21 Grams“) als ein kunstvoll auseinanderfallendes Kaleidoskop geschrieben hat. Und sie endet, wie Geschichten vom Schicksal so enden, fatalistisch, wenn auch nicht in jedem Fall auf einer gänzlich deprimierenden Note. Was dazwischenliegt, sind Episoden aus vier Welten auf drei Kontinenten.

          Da ist zunächst der Bauer im kargen Bergland Marokkos, der von seinem Nachbarn ein Gewehr kauft, mit dem seine halbwüchsigen Söhne die Schakale vertreiben sollen, die seine Ziegenherde bedrohen. Die Jungen aber zielen zum Spaß auf einen Reisebus, der weit unter ihnen die Straße hinaufkommt, und schießen. Sie treffen eine Scheibe und hinter dieser eine Amerikanerin, die mit ihrem Mann unterwegs ist, damit sie reisend wieder ein Verständnis füreinander finden, das ihnen über einer familiären Katastrophe verlorengegangen war. Dieses Ehepaar spielen Brad Pitt und Cate Blanchett, und man hat auch neben den marokkanischen Laiendarstellern keinen Moment den Eindruck, sie seien die Stars des Films, so zurückgenommen und gleichzeitig mit ruhiger Präsenz spielen sie ihren Part (der von Cate Blanchett hauptsächlich verlangt, langsam auszubluten).

          Unüberlegte Entscheidungen einer Kinderfrau

          Die Söhne des Ziegenhirten wissen nicht, was sie getan haben, und verstehen nicht, warum das internationale Verwicklungen nach sich zieht. Der Mann, der ihrem Vater das Gewehr verkauft hat, weiß nicht, warum er verhaftet wird, und die Amerikaner haben keine Ahnung, wer aus welchem Grund auf sie geschossen hat. In San Diego, wo sie zu Hause sind und zwei Kinder haben, die eine mexikanische Kinderfrau betreut, führt der Schuß dazu, daß diese Kinderfrau eine unüberlegte Entscheidung trifft: Weil die Eltern nicht nach Hause kommen können, nimmt sie die beiden Kinder, auf die sie länger aufpassen soll als geplant, mit nach Mexiko, wo ihr eigener Sohn seine Hochzeit feiert. Ihr Neffe holt sie ab und will sie volltrunken auch wieder zurückbringen. Doch die Grenzpolizei hält sie auf, und eine weitere Katastrophe nimmt ihren Lauf.

          Ein Japaner in Tokio wiederum, der den Kontakt zu seiner taubstummen Tochter verloren hat und nicht wiederfindet, versteht erst einmal nicht, was er mit der ganzen Geschichte zu tun hat, die er als Meldung über einen terroristischen Anschlag im Fernsehen sieht. Daß er einst sein Gewehr an seinen Jagdführer in Marokko verschenkte, ist natürlich eine reichlich konstruierte Verbindung zwischen Japan und Afrika, um die verschiedenen Erzählstränge „Babels“ zu verknüpfen.

          Trilogie über das Schicksal

          Der Zuschauer ahnt von Anfang an, daß es nur der unglückliche Zufall sein kann, der die Orte und Personen miteinander verbindet, nicht etwa eine globale Ordnung, wie sie zum Beispiel der Film „Syriana“ im Öl- und Waffengeschäft behauptete und „L.A. Crash“ in der multinationalen Metropole. Womit González Iñárritu wieder mittendrin ist im Thema seiner früheren Filme, in denen Unfälle unterschiedliche Milieus und verschiedene Personenkreise zusammenbrachten.

          „Babel“ ist der letzte Teil seiner Trilogie über das Schicksal und, für eine Weile zumindest, die letzte Zusammenarbeit mit seinem Drehbuchautor Arriaga. Vielleicht also auch der vorerst letzte Film mit dieser episodischen Struktur, die einerseits einen größeren erzählerischen Reichtum ausbreitet, als es ein einziger Handlungsstrang ermöglichte, die sich aber andererseits immer wieder gegen den Verdacht der vollkommenen Beliebigkeit durchsetzen muß.

          Bildermeer mit Erzählstücken

          In „Babel“ liegt der Zwangsläufigkeit des Geschehens eine Weltvision zugrunde, die nicht unbedingt glaubhaft ist - daß uns alle der Zufall verbindet, der manchmal allerdings nicht so zufällig ist, wie etwa die Verquickung des Schicksals einer illegal in Kalifornien lebenden Mexikanerin mit einer gutsituierten amerikanischen Familie. Andersherum gesagt: Die Konstruktion der Verbindungslinien zwischen den Figuren ist überaus kunstvoll, der Gedanke, der ihr zugrunde liegt, aber unpräzise.

          Was also bleibt, ist eine Art Bildermeer, und in ihm liegen wie kostbare Inseln die Erzählstücke herum, die für sich sprechen - wie etwa die Aufnahme des tanzenden japanischen Mädchens in einem Club, die, mal stumm, mal laut, uns mitreißt in einen Zustand der vollkommenen akustischen Desorientierung. Überhaupt ist die japanische Episode die überzeugendste, was auch an Rinko Kikuchi liegt, die die taubstumme Chieko spielt, und an Koji Yakusho als ihrem Vater. Auch die anderen Darsteller, zu denen an bekannteren Namen noch Gael García Bernal und Adriana Barraza gehören, agieren mit großer Überzeugungskraft.

          González Iñárritu ist mit „Babel“ entgültig zu einer Art entfesseltem Filmemacher geworden, den die artifizielle Konstruktion des Drehbuchs, das auf seiner eigenen Idee beruht, nicht im Zaum halten kann. Das heißt, wir glauben das große Ganze nicht. Aber wir glauben jedem einzelnen Bild.

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