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Video-Filmkritik : Auschwitz als Fiktion: „Der Junge im gestreiften Pyjama“

Bild: Disney

Das hat es trotz Benignis „Das Leben ist schön“ und „Schindlers Liste“ noch nicht gegeben: Unverblümt mischt dieser Film Kindergeschichte, Familiengeschichte und Geschichte des Holocaust. Im Grunde ist das eine Frechheit und doch berührt einen dieser Film.

          Dieser Film ist eine Frechheit. Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der geglaubt hat, es gebe eine Grenze beim Umgang des Kinos mit dem Holocaust, eine Schwelle, die das historisch Belegte von der reinen Spekulation trennt. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ überschreitet diese Schwelle. Und er tut das so unverblümt, dass man nach dem Abspann eine Weile braucht, um zu begreifen, was man da gerade gesehen hat. Eine Kindergeschichte in Auschwitz; eine morality tale vor dem Hintergrund der Gaskammer; ein Nazi-Familiendrama mit tragischem Ausgang - das alles ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Und weil er diese drei bekannten Motive, die Kindergeschichte, die Familiengeschichte und die Geschichte des Holocaust, auf eine bisher ungekannte Weise verbindet, ist er ein Novum in der Geschichte des Kinos: der Film, mit dem Auschwitz zur Fiktion wird.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nun kann man sagen, das alles habe es ja schon gegeben, in Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ beispielsweise oder in „Schindlers Liste“ und nicht zuletzt in der Fernsehserie, mit der alles angefangen hat und die dem Genre den Namen gab, eben in „Holocaust“. Und tatsächlich sieht man die Selektionsrampe und die Krematorien, in denen zwei Generationen der jüdischen Familie Weiss verbrannt werden, schon in der Serie von 1978, die Lagerbaracken und jene verschließbare Kammer, die sich dann doch als Duschraum entpuppt, bereits bei Spielberg und das Kindermelodrama, allerdings in ein italienisches Konzentrationslager verlegt, auch in Benignis Oscar-Gewinnerfilm von 1999.

          Der Blick aus dem Dachfenster

          Aber das, was der britische Regisseur Mark Herman und sein Kameramann Benoît Delhomme in gut neunzig Minuten zeigen, haben wir trotzdem noch nicht gesehen. Denn Herman und Delhomme erzählen ihren Stoff, die Geschichte des Jungen im gestreiften Pyjama und seines Freundes, der der Sohn des Lagerkommandanten ist, nicht als Holocaustdrama. Sondern als kindliches Abenteuer. Sie wissen, dass wir wissen, was hinter dem Stacheldrahtzaun geschieht, an dem der achtjährige Bruno den gleichaltrigen, mit einer Häftlingsnummer auf dem Arm gebrandmarkten Schmuel trifft. Aber sie zeigen es nicht - anders als etwa Benigni, der in „La vita è bella“ ein mit Kinderaugen betrachtetes (und mit fragwürdiger Grandezza inszeniertes) Ballett des Sadismus aufführte. Erst am Schluss erzählen sie, was in Auschwitz geschah, bis an die Grenze des Erträglichen und darüber hinaus. Sie spielen ein Spiel mit uns, mit unseren Tabus, unseren Geschichtsbildern, unseren Kinoerfahrungen. Und sie spielen es gut.

          Es beginnt damit, dass Bruno (Asa Butterfield) mit seiner Familie aus Berlin wegziehen muss. Sein Vater ist auf einen verantwortungsvollen Posten „im Osten“ befördert worden, dorthin, wo sich im Jahr 1942 die Wende des Krieges ereignet und zugleich die industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden anläuft. Aber davon weiß Bruno nichts. Er sieht nur die große, graue, von hohen Mauern umgebene Villa, in der er mit seinen Eltern und seiner Schwester leben soll, und die langen Holzbaracken, die man von einem Dachfenster aus in der Ferne erblickt. Bauern, glaubt Bruno, verrichten dort ihre Arbeit. Ab und zu weht von den Baracken ein scharfer, grauenhaft süßlicher Gestank zur Villa herüber. Dort drüben, heißt es dann, würden Abfälle verbrannt. Der Blick aus dem Dachfenster wird Bruno bald verboten. Auch die Mauer darf er nicht überklettern. Aber dann entdeckt er eine Seitentür und dahinter einen Schuppen, aus dem eine Öffnung in die Freiheit führt. Er läuft durch den Wald und steht schließlich vor dem Stacheldrahtzaun, der den „Bauernhof“ umgibt. Ein Junge im gestreiften Drillich sitzt dahinter und malt Figuren in den Staub.

          Einstiegsfigur für jede Altersstufe

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