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Video-Filmkritik : Auch Rührung wider Willen ist Rührung

  • -Aktualisiert am

Bild: SquareOne

Eine Frau kämpft um ein Bild von Gustav Klimt, das die Nazis ihrer Tante raubten - Simon Curtis’ Film „Die Frau in Gold“.

          4 Min.

          Gustav Klimts „Adele Bloch-Bauer I“ ist ein Gemälde, das man sich aufhängen kann, auch wenn man überhaupt keine Ahnung hat von Kunst: Alles so schön gold, die schicken Pailletten, ein bisschen Frau, ein bisschen abstrakt, stört nicht. Ich weiß, wovon ich spreche: Seit Jahren schon hängt es bei mir an der Wand, und jetzt stelle ich mit Schrecken fest, dass ich rein gar nichts von ihm wusste: Kaum davon, wer die Frau eigentlich war, die darauf zu sehen ist, und erst recht nicht davon, dass dieses Gemälde selbst der Protagonist einer ziemlich unglaublichen, sehr schlimmen und sehr schönen, also einer wahrhaft filmreifen Geschichte ist. Die jetzt, konsequenterweise, tatsächlich auch zu einem Film geworden ist.

          Das berühmteste Gemälde Österreichs

          „Vergiss das Gold - das ist nur Klimt. Schau mich an!“, sagt Adele Bloch-Bauer in diesem Film zu ihrer kleinen Nichte Maria, als die in der heimischen Wohnung in Wien das Bild bestaunt. Maria wird es sich merken und gut siebzig Jahre später leicht abgewandelt vor der Wiener Kunstkommission wiederholen: „Sie sehen das berühmteste Gemälde Österreichs, ich sehe meine Tante!“ Da lebt Adele schon lange nicht mehr, der Klimt wurde von den Nazis gestohlen und hängt jetzt in der Wiener Gemäldegalerie. Und Maria Altmann, die Nichte, hat soeben getan, was sie nie wieder tun wollte, nämlich noch einmal in dieses furchtbare Land zu reisen, das ihrer Familie ja nicht nur das Bild, sondern auch noch Recht und Leben und Würde genommen hat.

          Aber was ist die größere Demütigung: Freiwillig dorthin zurückzukehren, wo sie einen umbringen wollten, oder auch noch zuzulassen, dass sich die Kunstexperten des Landes mit dem geraubten Werk als „Mona Lisa Österreichs“ schmücken?

          Ja, „Die Frau in Gold“ von Simon Curtis ist auch ein Film darüber, was so ein Gemälde eigentlich zeigt: Das Werk eines großen Künstlers oder das Porträt einer schönen Frau? Und was hieße dann hier überhaupt „Ahnung von Kunst haben“? Von der Vergangenheit des Bildes, den früheren Besitzverhältnissen, dem „Eingebettetsein in den Zusammenhang der Tradition“, von seinem „originären und ersten Gebrauchswert“, um mit Walter Benjamin zu sprechen? Oder wäre es vielleicht eine realistische Schätzung seines aktuellen Werts auf dem Kunstmarkt?

          Idealistisch und unerfahren

          Für Maria Altmann (Helen Mirren) jedenfalls ist das Bild ganz durch seine Vergangenheit bestimmt. Und nach dieser Vergangenheit wählt sie auch ihren Partner im Kampf um seine Rückgabe aus, den jungen Anwalt Randy Schönberg (Ryan Reynolds), Enkel von Arnold. Sehr idealistisch ist Randy und sehr unerfahren, und neben der großen Helen Mirren (diese Körperhaltung!, diese Stimme, wenn sie mit einer Mischung aus Schmerz und Abscheu „Vienna“ sagt!) wirkt Ryan Reynolds sowieso immer ein bisschen wie ein blasser Schuljunge.

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