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Video-Filmkritik : Auch Rührung wider Willen ist Rührung

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Ein sehr entschiedener Schuljunge allerdings, denn wenn es darauf ankommt, gibt er natürlich nicht auf, und immer wieder motivieren sie einander, sich nicht abschrecken zu lassen von den selbstgefälligen Wiener Kunstexperten. Auch von Hartnäckigkeit und Angst erzählt der Film, und wie viel von dem einen sich für das andere lohnt (sehr viel von beidem, natürlich). Der Film ist nicht ganz frei von jener Historienfilmkünstlichkeit, bei der einem in Rückblenden ja immer plötzlich eine viel jüngere Person präsentiert wird, die angeblich die gleiche sein soll, für die man sich auf der Leinwandzeitebene gerade zu interessieren begonnen hat, die man wegen all der Kostüme und historischen Hinweise dann aber leider überhaupt nicht wiedererkennt.

Entlohnt für das Zuschauerleid

Es ist deshalb ein bisschen Rührung wider Willen, wenn Maria sich vor der Flucht für immer von ihren Eltern verabschiedet, so wie man sich auch (erfolglos) gegen die Gänsehaut und die Wut im Bauch wehrt, als die jüdischen Bewohner auf der Straße gedemütigt werden.

Aber auch Rührung wider Willen ist Rührung, und entlohnt wird man für das bisschen Zuschauerleid sowieso spätestens dann großzügig, wenn das Wiener Schiedsgericht das Urteil über den rechtmäßigen Besitz des Bildes verkündet. Als Gerichtsdrama funktioniert dieser Film sowieso am allerbesten. Plädoyers im Film sind ja auch etwas Tolles: diese Würde des gesprochenen Worts, der Auftritt, und dann die Spannung vor dem Urteil!

Marias später Triumph ist so schön, auch die Gänsehaut fühlt sich jetzt genau richtig an, und man möchte zusammen mit ihren neugewonnenen Kumpels Ryan Reynolds und Daniel Brühl sofort ausgiebig feiern. Ja, genau, mit Ryan und Daniel, denn die Schauspieler wollen in diesem Film einfach nicht hinter ihren Rollen verschwinden. Man kann das nervig finden, wenn der hilfsbereite Wiener Journalist so hartnäckig Daniel Brühl bleibt, dass man ihm gerne zurufen möchte: Jetzt lass doch das Wienerisch! Oder aber man lässt sich von der Geschichte des Films etwas beibringen und versteht, dass es manchmal einfach irrsinnig sein kann, ein Kunstwerk unbedingt ganz getrennt von seinen Entstehungsbedingungen wahrnehmen zu wollen.

Der rettende Sehnsuchtsort

Einzig Justus von Dohnányi als Kunstkommissionsvorsitzender spielt seine Rolle nicht durchsichtig auf die Person dahinter, sondern formvollendet glaubwürdig: schmierig, arrogant und hassenswert. Wie natürlich auch alle Nazis in den Rückblenden eklig, dumm und dennoch zum Fürchten sind, und das ist ja auch richtig so. Dass man zum Filmstart jetzt allerdings eine Reise nach Wien gewinnen kann, wirkt insofern wirklich wie ein schlechter Scherz. Marias Fluchtziel Amerika kommt einem hier als rettender Sehnsuchtsort natürlich viel näher, und wenn sie nach einem ersten, hart erkämpften Teilsieg endlich einmal wieder in Kalifornien auf ihrer Terrasse steht und mit Wein darauf anstößt, dann will man sie als Zuschauer eigentlich gar nicht wieder weglassen in das Feindesland Österreich.

Die Adele an der Wand stört jetzt übrigens doch. Sie fügt sich nicht mehr so brav und pflegeleicht als Dekorelement ein, sondern fordert einen Platz an einer eigenen Wand ganz für sich. Noch schöner ist sie dadurch auch noch geworden, und das viele Gold, man sieht es kaum noch. Ich werde sie wohl umhängen müssen. Und bald mal nach Amerika fahren.

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