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Video-Filmkritik : Schwere Jungs, leichte Beute

  • -Aktualisiert am

Asphaltgorillas: Als Vorlage diente Ferdinand von Schirachs „Der Schlüssel“. Bild: Constantin Film Verleih

Einig Kartoffelland: In deutschen Filmen wird unbeholfen ethnisiert. Macht Detlev Buck es mit seinen „Asphaltgorillas“ vielleicht besser?

          Der Traum vom schnellen Geld sucht in Deutschland schon seit geraumer Zeit nach einer neuen Heimat. 2002 vertrieb die Krise der New Economy die Zocker von den Börsen. Mit dem „Entwickeln“ von Immobilien kann man heute zwar hübsche Profite machen, das Metier eignet sich aber kaum für berauschende Geschichten. Und was ist mit Klassikern wie dem Handel mit illegalen Substanzen? Da hört man eigentlich nur von kleinen Deals am Görlitzer Park in Berlin, auch da sucht man vergeblich nach dem Glamour der Gefahr, den Wölfe an der Wall Street oder Pusher in Miami zumindest auf die Film- und Serienbranche ausstrahlen. Man könnte auch sagen: der Traum vom schnellen Geld ist etwas für kleine Fische geworden. Wer richtig Geld hat und haben will, denkt eher in epischen Dimensionen, enteignet heimlich Volkswirtschaften und hebelt mit dem Geld dann Pensionshoffnungen aus.

          Die beiden Schmalspurhustler Frank und Atris in der Kurzgeschichte „Der Schlüssel“ aus dem Erzählband „Schuld“ von Ferdinand von Schirach sind deswegen von Beginn an unzeitgemäße Figuren. Sie suchen nach einer Nische im Erwerbsleben, nach einer Hintertür zur Dekadenz, und Atris ist dabei eigentlich ein so guter Kerl, dass er zuerst einmal seiner Mutter eine neue Küche kaufen würde, „mit dem Doppelherd, die er in einer der Hochglanzzeitschriften bei Frank gesehen hatte“.

          Die Koordinaten für den Coup von Frank und Atris sind schnell markiert: ein Russe, ein paar libanesische Kurden, eine Fahrt nach Amsterdam, eine Ladung Designerdrogen, ein Schließfach in Berlin und dazu dann eben der Schlüssel, der dummerweise im Körperinneren einer Dogge verlorengeht. Das Mittel, das Abhilfe schaffen soll, heißt Animalax. Man meint förmlich, das Gelächter vom bürgerlichen Charlottenburg bis ins dreckige Kreuzberg herüberschallen zu hören, mit dem Ferdinand von Schirach diesen Namen hingeschrieben haben muss. Doch die Pille gibt es wirklich. Pferdedoping und andere Designerdrogen sind dagegen wahrscheinlich eine milde Gabe.

          Auf wenigen Seiten hat Ferdinand von Schirach in „Der Schlüssel“ eine soziale Geographie des neuen Berlins skizziert, die Detlev Buck jetzt verfilmt hat. „Asphaltgorillas“ wirkt zuerst einmal ein bisschen wie Malen nach Zahlen. In diesem Fall nach Jahreszahlen, denn eine Wohnung am Ku’damm, die in den nuller Jahren gerade noch als Statussymbol durchgegangen sein mag, wäre heute veraltet. Der Russe lebt bei Buck also an der Spree, dort, wo die Berliner Stadtverwaltung einen Gürtel für das globale Kapital geschaffen hat, das sich am Wasser an einer Simulation von Londoner Zuständen versucht. Und der röhrende italienische Sportwagen hat auch in der Filmversion einen Namen, der auf i endet, heißt aber anders, was auch mit Produktplazierung zu tun haben könnte.

          Die Kartoffel und der Kanake

          Richtig interessant an der sozialen Geographie von Schirach ist aber, dass sie auch eine starke nationale und ethnische Komponente hat. Frank und Atris sind als Buddies schon zwei Seiten einer Medaille, die man ohne weiteres als Einwanderungsdeutschland bezeichnen könnte. Frank ist einer von hier, wirkt dabei aber ziemlich unauthentisch. Atris bekommt von der Familie ständig Heiratskandidatinnen vorgestellt, verliebt sich aber in eine Marie. In einem Jargon, der kürzlich vom „Spiegel“ auf das Innenleben der Mannschaft (früher bekannt als „La Mannschaft“) projiziert wurde, wäre Frank eine „Kartoffel“ und Atris ein „Kanake“. Wobei Frank eher wirkt wie eine Designerkartoffel und Atris wie der Julian Draxler der Kanaken, also derjenige, der in die andere Richtung will. Goldketten oder goldene Unterhosen, die Uniform der Kanaken, trägt er jedenfalls nicht.

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