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Video-Filmkritik: „Art War“ : Unsere Bilder übermalen eure Taten

  • -Aktualisiert am

Bild: missingfilms

Die Sprayer schlagen zurück: Marco Wilms Dokumentarfilm „Art War“ zeigt den dramatischen Protest von Künstlern in Kairo im arabischen Frühling.

          4 Min.

          Sie gehen raus, obwohl sie wissen, dass Scharfschützen auf sie warten. Sie recken die Arme in die Höhe, im scheinbaren Schutz der Masse. Dann knallt es, einmal, zweimal, Schreie, die Kamera kippt zur Seite, wackelt.

          „Es begann mit dem Schrei der Unterdrückten“, singt ein ägyptischer Hiphopper über die Demonstranten auf Kairos Straßen, „und es endete im brennenden Inferno.“ Zu sehen ist ein junger Mann, sein weißes Hemd ist blutig. Bevor wir das erkennen, brüllt jemand: „Sie haben ihm in den Kopf geschossen.“ Seine Freunde tragen ihn weg. Der Kopf ist voller Blut. Der junge Mann stirbt. Es knallt wieder.

          Der arabische Frühling

          Diese Szene im Dokumentarfilm „Art War“ zeigt die Zerschlagung von friedlichem Protest mit gezielten Schüssen und was aus vielen anderen Ländern des arabischen Frühlings (und zwei Jahre vorher von den Protesten in Teheran) berichtet wurde: So kann man nicht leben, aber wer das auch nur sagt, riskiert den Verlust dieses Lebens.

          Freiheit und Toleranz sind da keine hehren Ideale, sondern das Einzige, worauf die jungen Menschen hinarbeiten können, wenn sie sich nicht völlig aufgeben wollen. Die Ausweglosigkeit selbst ist, was die Forderungen nach einem Ausweg so stark macht. Von drei Jahren Hoffen und Bangen und der verzweifelten Arbeit am Möglichen erzählt der Film - und vom Medium des Möglichen: der Kunst.

          Die verpanzerte Gesellschaft aufbrechen

          Die Kamera führt Marco Wilms, der fast während der gesamten Drehzeit in Kairo gelebt hat, um Künstler des arabischen Frühlings zu begleiten: den Musiker Ramy Essam, die Künstler Ganzeer, Ammar Abo Bakr und Mohamed Khaled und die Electropop-Sängerin Bosaina - ein kleiner Kreis von Aktionisten, die ihre verpanzerte Gesellschaft aufbrechen wollen. Und noch einer taucht ab und an auf: der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad, der seit der Veröffentlichung der Autobiographie „Mein Abschied vom Himmel“ in Ägypten durch eine Fatwa bedroht wird.

          „Art War“ ist in seiner fatalistischen Präzision ein Glücksfall. Marco Wilms hält den Seismographen direkt ins brodelnde Zentrum der Unruhe. Er führt vor, was bislang nur abstrakt begreiflich schien: In Ägypten sind alle dissidenten Gruppen umstellt von Feinden. Das Regime tötete die Demonstranten, die Muslimbrüder jagen die Künstler, das Militär metzelt die Muslimbrüder nieder, die Künstler bejubeln das Militär. In den Graffiti auf den Wänden der Stadt erkennt man das Trauma einer ganzen Generation. Die Renaissance der Sprayer-Kunst ist politisch erkämpft. Straßenkunst kannte Kairo vor der Revolution nicht. Der öffentliche Raum war kein Ort, an dem man sich als Künstler gern aufhielt, ihn gar als Oberfläche für politische Botschaften nutzte. Er bedeutete Kontrolle.

          Zeichenschlacht anstatt Waffen

          Was ist geschehen? Nahaufnahme auf Ramys Gesicht, er wurde von Polizisten geschlagen. Nun liegt er auf seinem Bett, grün und blau im Gesicht, blutige Striemen auf dem Rücken. Der „Art War“ beginnt: Die Künstler wehren sich, nicht mit Schlagstöcken und Waffen, sondern mit Zeichenschlachten. Im November 2011 infiltriert ein Künstler die Scharfschützen und beobachtet einen Polizisten dabei, wie er neunzehn Demonstranten in die Augen schießt. Die Künstler verbringen die nächsten Nächte damit, sein Konterfei an die Wände der Stadt zu sprayen: „Wanted“. Das Volk sucht ihn, findet ihn. Er wird den Behörden übergeben und rechtskräftig verurteilt. „Wann immer etwas passiert, übertragen wir es auf die Wand, damit das Volk es sieht“, sagt Ammar.

          Und sie machen weiter - bis zur seelischen und körperlichen Erschöpfung. Ammar und Ganzeer sprayen in der Mohamed-Mahmoud-Straße, der Graffiti-Meile von Kairo, „Märtyrer“-Porträts. Nach den ersten Morden benutzen sie Fotos der Opfer, setzen ihnen ein Denkmal. Doch sie werden übermalt, zerkratzt, beschädigt. Also malen sie die Mütter der Getöteten. Immer und immer wieder verschwinden die Bilder, zwei Jahre später - die Lage hat sich merklich zugespitzt - sind es die Fotos von Leichen, von Panzern überrollt, durch Folter grausam entstellt, die als Wandgemälde die Straßen säumen.

          Graffiti als Ausdrucksmittel

          Mit den Graffiti haben Ammar und Ganzeer ihre traditionelle Sprache wiedergefunden, sagen sie. Ammar fährt mit dem Regisseur nach Luxor und in andere ländliche Regionen, um ihm die Ursprünge seiner Bilderwelt zu zeigen: Hauswandmalereien, die auf der Pilgerreise nach Mekka entstanden, Zeichnungen in Sufi-Schreinen. Er spricht mit den Alten in den sandigen Dörfern, die nur ein Wort kennen: „Gott“. „Graffiti sind eine positive Art, das politische Feuer, das auf der Straße brennt, auszudrücken“, sagt Ammar. Doch es wird bald unterdrückt.

          Lebensgefährlich: Marco Wilms begleitete drei Jahre lang ägyptische Künstler bei ihrem Protest auf den Straßen Kairos

          Die ersten freien Wahlen in Ägypten gewinnen die Muslimbrüder. Sie nehmen sich nun mit ihren vollverschleierten Frauen den Stadtraum. Der öffentliche Raum, die Straßen und Plätze werden zum Kampfplatz zwischen Säkularen und Religiösen - jetzt weiß niemand mehr, wie es weitergehen wird. Das zwischenmenschliche Feuer auf der Straße brennt nun höllengleich.

          Beschuldigung der Blasphemie

          Hamed Abdel-Samad trägt auf der Straße ein T-Shirt mit der Aufschrift: „God is busy. Can I help?“ Innerhalb kürzester Zeit hat sich ein Pulk junger Männer um ihn versammelt. Sie greifen ihn an, beschuldigen ihn der Blasphemie und wollen seinen Ausweis sehen. Sie patrouillieren, als hätten sie die Staatsgewalt. Der Kreis um Hamed zieht sich immer weiter zu, obwohl die Kamera läuft. Und immer wieder kommt die Frage nach dem Ausweis. Die Absurdität: Der Anführer der Gruppe trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love New York“.

          Dabei schien das Paradies so nah - für alle. Marco Wilms zeigt auch das, die ausgelassenen, strahlenden Menschen vom Januar 2011, als alles begann und sich verschiedenste Gruppierungen, strenggläubige Muslime, Musiker, Grafikdesigner, Handwerker, Imame und Kinder, auf dem Tahrir-Platz versammelten, alle waren überwältigt vom friedlichen Beisammensein. Wir sehen sie wieder: die sehnsüchtigen Gesichter junger Männer und Frauen, sie jubeln dem Musiker Ramy zu. „Freiheit, Würde und Gerechtigkeit“ fordern sie alle.

          Zerrissenheit herrrscht vor

          Doch die Würde von Ramy sieht anders aus als die Würde der Frau, deren Augenfarbe man durch den Schlitz nur erahnen kann, die ihre Freiheit im Tragen des Tschadors sieht. Wie zerrissen diese Tahrir-Gemeinschaft die Werte auslegen wird, davon erzählt dieser harte und liebevolle Film. Und alle machen sich schuldig: Nach dem Sturz von Mursi und der Ermordung von tausend Muslimbrüdern fliegt das Militär mit Kampfflugzeugen rote Rauchherzen an den Himmel, und Millionen von Menschen jubeln am Boden.

          Irgendwann sitzt die Rebellin Bosaina mit einem Jungen auf der Terrasse mit Blick über die Stadt und fragt ihn, wie er die Revolution finde. Und er sagt: „Schrecklich.“ Warum? „Menschen wurden getötet, ich habe mir mein Bein verletzt und meinen Arm. Sie hat unser Land kaputtgemacht.“

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