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Video-Filmkritik: „Art War“ : Unsere Bilder übermalen eure Taten

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Und sie machen weiter - bis zur seelischen und körperlichen Erschöpfung. Ammar und Ganzeer sprayen in der Mohamed-Mahmoud-Straße, der Graffiti-Meile von Kairo, „Märtyrer“-Porträts. Nach den ersten Morden benutzen sie Fotos der Opfer, setzen ihnen ein Denkmal. Doch sie werden übermalt, zerkratzt, beschädigt. Also malen sie die Mütter der Getöteten. Immer und immer wieder verschwinden die Bilder, zwei Jahre später - die Lage hat sich merklich zugespitzt - sind es die Fotos von Leichen, von Panzern überrollt, durch Folter grausam entstellt, die als Wandgemälde die Straßen säumen.

Graffiti als Ausdrucksmittel

Mit den Graffiti haben Ammar und Ganzeer ihre traditionelle Sprache wiedergefunden, sagen sie. Ammar fährt mit dem Regisseur nach Luxor und in andere ländliche Regionen, um ihm die Ursprünge seiner Bilderwelt zu zeigen: Hauswandmalereien, die auf der Pilgerreise nach Mekka entstanden, Zeichnungen in Sufi-Schreinen. Er spricht mit den Alten in den sandigen Dörfern, die nur ein Wort kennen: „Gott“. „Graffiti sind eine positive Art, das politische Feuer, das auf der Straße brennt, auszudrücken“, sagt Ammar. Doch es wird bald unterdrückt.

Lebensgefährlich: Marco Wilms begleitete drei Jahre lang ägyptische Künstler bei ihrem Protest auf den Straßen Kairos

Die ersten freien Wahlen in Ägypten gewinnen die Muslimbrüder. Sie nehmen sich nun mit ihren vollverschleierten Frauen den Stadtraum. Der öffentliche Raum, die Straßen und Plätze werden zum Kampfplatz zwischen Säkularen und Religiösen - jetzt weiß niemand mehr, wie es weitergehen wird. Das zwischenmenschliche Feuer auf der Straße brennt nun höllengleich.

Beschuldigung der Blasphemie

Hamed Abdel-Samad trägt auf der Straße ein T-Shirt mit der Aufschrift: „God is busy. Can I help?“ Innerhalb kürzester Zeit hat sich ein Pulk junger Männer um ihn versammelt. Sie greifen ihn an, beschuldigen ihn der Blasphemie und wollen seinen Ausweis sehen. Sie patrouillieren, als hätten sie die Staatsgewalt. Der Kreis um Hamed zieht sich immer weiter zu, obwohl die Kamera läuft. Und immer wieder kommt die Frage nach dem Ausweis. Die Absurdität: Der Anführer der Gruppe trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love New York“.

Dabei schien das Paradies so nah - für alle. Marco Wilms zeigt auch das, die ausgelassenen, strahlenden Menschen vom Januar 2011, als alles begann und sich verschiedenste Gruppierungen, strenggläubige Muslime, Musiker, Grafikdesigner, Handwerker, Imame und Kinder, auf dem Tahrir-Platz versammelten, alle waren überwältigt vom friedlichen Beisammensein. Wir sehen sie wieder: die sehnsüchtigen Gesichter junger Männer und Frauen, sie jubeln dem Musiker Ramy zu. „Freiheit, Würde und Gerechtigkeit“ fordern sie alle.

Zerrissenheit herrrscht vor

Doch die Würde von Ramy sieht anders aus als die Würde der Frau, deren Augenfarbe man durch den Schlitz nur erahnen kann, die ihre Freiheit im Tragen des Tschadors sieht. Wie zerrissen diese Tahrir-Gemeinschaft die Werte auslegen wird, davon erzählt dieser harte und liebevolle Film. Und alle machen sich schuldig: Nach dem Sturz von Mursi und der Ermordung von tausend Muslimbrüdern fliegt das Militär mit Kampfflugzeugen rote Rauchherzen an den Himmel, und Millionen von Menschen jubeln am Boden.

Irgendwann sitzt die Rebellin Bosaina mit einem Jungen auf der Terrasse mit Blick über die Stadt und fragt ihn, wie er die Revolution finde. Und er sagt: „Schrecklich.“ Warum? „Menschen wurden getötet, ich habe mir mein Bein verletzt und meinen Arm. Sie hat unser Land kaputtgemacht.“

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