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Video-Filmkritik : Aporie des Wunders: „Lourdes“

Bild: Filmwelt

Man muss nicht an Wunder glauben, um sich für sie zu interessieren: Jessica Hausners „Lourdes“ schildert mit dokumentarischer Ruhe die Suche einer irreversibel Erkrankten nach spiritueller Heilung.

          4 Min.

          Manche Orte mögen ja durchaus in der physischen Welt existieren, weit mehr aber sind sie Synonym für einen Gemütszustand, den man auch als metaphysisch bezeichnen könnte. Lourdes, das kann bestätigen, wer mal mit dem Zug durchgefahren ist, existiert - und dennoch scheinen die vielen Pilger, die jährlich in den Marienwallfahrtsort kommen, nicht einfach die gleichnamige Kleinstadt in den Hautes-Pyrénées aufzusuchen.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie reisen an einen Ort der potentiellen Wunder, wo man angeblich dem Himmel näher kommt. „Lourdes“, wie der Spielfilm der Österreicherin Jessica Hausner einfach heißt, spielt im Grunde, wenngleich vor Ort gedreht, nur in diesem imaginären Raum, und gerade deshalb geht er mit fast dokumentarischer Nüchternheit vor.

          Wunder gibt es hier immer wieder, seit 1858, seit den Marienerscheinungen der Bernadette Soubirous, der Franz Werfel, nachdem er sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis kurz in Lourdes aufgehalten hatte, seinen Roman „Das Lied von Bernadette“ widmete, den Hollywood mit allen Schikanen und mit Jennifer Jones in der Titelrolle verfilmte. Von der schlichten Gläubigkeit und heiligen Einfalt, mit der Regisseur Henry King damals die Geschichte erfüllte, ist Jessica Hausner weit entfernt. Es ist ihr dritter langer Spielfilm, er ist ganz anders als „Hotel“ (2004), der aussah, als wolle da jemand um jeden Preis das Genre des Psychothrillers dekonstruieren; er sieht auch anders aus als „Lovely Rita“ (2000), die Wiener Geschichte vom 15-jährigen Mädchen, das nach Aufmerksamkeit giert.

          Und das spricht nun eindeutig für Jessica Hausner, 37, die sich von dem leiten lässt, was der Ort von der Geschichte verlangt, die an ihm spielt, und was beide von einem Film verlangen. Es beginnt mit einem unbewegten Blick in einen Speisesaal, aus dem Off hört man das „Ave Maria“; es ist, neben zwei italienischen Schlagern am Ende, die einzige musikalische Begleitung. Es wird zum Abendessen gedeckt, langsam füllt sich der Raum, mit Schwestern und männlichen Angehörigen des Malteserordens, mit Rollstuhlfahrern, älteren und jüngeren Menschen mit und ohne Gebrechen.

          Logik des Wunders

          Die Hauptperson fasst der Film zunächst nur beiläufig ins Auge: Christine, gespielt von Sylvie Testud, der Frau mit dem faszinierenden Gesicht eines alten Kindes, obwohl sie auch schon fast vierzig ist. Sie leidet an Multipler Sklerose, sie ist nicht unbedingt felsenfest im Glauben, sie will durch Pilgerreisen vor allem der Einsamkeit entkommen - wie alle aus der Reisegruppe. Und es hat etwas Beklemmendes, wenn sie sich, wie auf unsichtbaren Schienen, zwischen Hotel, Grotte, Kirche und Bus bewegen oder bewegt werden, wenn die strenge Malteserin Cécile mitten im Speisesaal steht, weil sie etwas ansagen will, und „Schscht“ macht, als müsste sie lärmende Kinder zur Ordnung rufen.

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