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Video-Filmkritik : Chronik eines angekündigten Priestermords

Bild: Ascot Elite

„Am Sonntag bist du tot“ ist die Geschichte eines irischen Paters, der seinen künftigen Mörder im Kreis seiner verschrobenen Gemeinde sucht. Brendan Gleeson bringt sie zum Leuchten.

          3 Min.

          Man kann sich Brendan Gleeson kaum ohne Dienstuniform und Pistole vorstellen. Und wenn er nicht, wie zuletzt in „The Guard“, der archetypische irische Polizist oder, wie in „Brügge sehen und sterben“, der archetypische irische Auftragskiller ist, dann verkörpert er andere handgreifliche Archetypen wie in „Troja“ den Raufbold Menelaos oder in „Kingdom of Heaven“ den brutalsten aller Kreuzritter, Rainald von Châtillon. Es gibt eine Gewichtsklasse im Kino, in der körperliche Präsenz mehr bedeutet als alle Schauspielkunst, und in dieser Klasse ist Gleeson der amtierende Champion. Wo er auftritt, füllt er den Raum.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das heißt aber nicht, dass Gleeson mit seinem Gesicht nicht doch manchmal mehr ausdrücken kann als andere Schauspieler mit ihrem ganzen Körper. In John Michael McDonaghs „Calvary“ beispielsweise sieht man ihn am Anfang in einem Beichtstuhl sitzen, während ein Mann auf der anderen Seite der hölzernen Trennwand erzählt, er sei als Kind jahrelang von einem Priester vergewaltigt worden, und deshalb werde er jetzt einen Priester umbringen - und zwar den, bei dem er gerade beichtet. „Ich werde Sie töten, weil Sie nichts verbrochen haben“, sagt der Mann, bevor er verschwindet, und als Gleeson anschließend aus dem Beichtstuhl tritt, kann man in seinen Gesichtszügen lesen wie in einem offenen Buch. Angst, Neugier, Trauer, Resignation und Schicksalsgewissheit mischen sich darin und nehmen das Geschehen der kommenden Tage vorweg.

          Die Suche nach dem Mörder

          „Am Sonntag bist du tot“ heißt der Film auf Deutsch, ein Titel, der einerseits zu viel verrät, andererseits aber auch kein großer Schaden ist, denn die Geschichte enthüllt ohnehin in den ersten fünf Minuten, worum es geht. Gleeson ist James Lavelle, der Pfarrer eines kleinen Dorfes an der Nordwestküste Irlands, und nach der Beichtszene hat er genau sieben Tage Zeit, um seinen Mörder zu finden oder abzutauchen. Wie man es von einem Priester erwartet, der von Brendan Gleeson gespielt wird, blickt er dem Verhängnis ins Gesicht, was hier bedeutet, dass er in seiner Gemeinde die Runde macht.

          Er trifft ein Sammelsurium von Typen, bei denen man nicht weiß, ob man über die lachen oder weinen soll: einen zynischen Chirurgen, der sich über Sexaffären und ärztliche Kunstfehler auslässt, einen Schlachter, der von seiner Frau betrogen wird, einen Börsenmillionär, der an der Sinnlosigkeit seines Reichtums verzweifelt und sich den Spaß macht, auf ein berühmtes Holbein-Gemälde zu pinkeln, einen amerikanischen Erfolgsautor, der vom Leben und Schreiben die Nase voll hat, einen kleinen Mafiaboss und seinen großkotzigen Liebhaber.

          Holzschnittartig und simpel gestrickt

          Dazu kommt noch Fiona (Kelly Reilly), Lavelles Tochter, die nach einer gescheiterten Beziehung und einem Selbstmordversuch in einem Prozess der Selbstfindung steckt, wozu auch gehört, dass sie ihrem Vater bittere Vorwürfe macht, weil er sich nach dem Tod seiner Frau in die Arme der Kirche geworfen hat, statt sich um sein Kind zu kümmern. Gleeson hört sich das schweigend an, so wie er sich alles anhört, was er in dieser Geschichte erfährt, und als er seinen Rundgang durch die Gemeinde beendet hat, ist er im Grund nicht schlauer als zuvor. Aber wir haben die Welt gesehen, aus der er sich verabschiedet. Und dieser Abschied fällt ihm leicht.

          John Michael McDonagh, der Regisseur von „Calvary“, hat mit Brendan Gleeson schon sein Kinodebüt „The Guard“ gedreht, und man merkt dem zweiten Film an, dass es McDonagh vor allem darum ging, nach dem Erfolg des ersten nichts falsch zu machen. Deshalb sind die Charaktere, die er hier vorführt, fast durchweg holzschnittartiger und simpler gestrickt, als es der Geschichte guttut, und auch die Bilder aus der Kamera von Larry Smith verraten den Eifer, den Schauplatz so typisch irisch aussehen zu lassen, wie es ein internationales Publikum erwartet. Die Weiden sind grün, die Häuser pittoresk, und als Lavelles Kirche einem Brandstifter zum Opfer fällt, sieht man sie durch einen dunklen Fensterrahmen in Flammen stehen, als loderte ein Feuer im Kamin.

          „Am Sonntag bist du tot“ bekommt so eine gewisse Gelacktheit, die der Film gar nicht gebraucht hätte. Er glänzt auch so, denn Gleeson bringt ihm zum Leuchten. Vielleicht ist es die Tatsache, dass er hier zum ersten Mal unbewaffnet auftreten muss, die ihm die wilde Energie verleiht, die von ihm ausgeht. Als er einmal doch eine Pistole in die Hand bekommt, wirft er sie in hohem Bogen ins Meer. Es hat tatsächlich etwas Entwaffnendes, Vater James dabei zuzusehen, wie er seinem Verhängnis entgegenläuft.

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