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Video-Filmkritik : Alttestamentarische Wucht: „There Will Be Blood“

Bild: Disney

Daniel Day-Lewis als Ölmann ist noch härter und steiniger, noch schwerer zu durchdringen als der Felsenboden: Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ ist ein großer Film, den man nicht leicht aushalten kann.

          Dies ist ein Film mit Tiefgang; er beginnt, nach einem kurzen Blick auf eine Landschaft, die heiß und steinig ist, weit unten, unter der Oberfläche, zehn Meter mindestens, wo es eng ist und sehr dunkel. Und wenn es hell wird, für den Bruchteil von Sekunden, dann kommt das von den Funken, die da sprühen, weil ein Mann mit einer Hacke und enormer Wucht gegen die Felsen schlägt.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und weil noch kein Wort gesprochen wurde; weil man nicht weiß, was der Mann dort unten sucht; weil man auch nicht viel sieht außer einer großen Dunkelheit und einer schwarzbraunen Flüssigkeit, die aus den Ritzen tropft: deshalb fürchtet man als Zuschauer immer, das könnte Öl sein - und beim nächsten Funkenflug werde der Stoff sich entzünden, und die Bilder des Films flögen uns Zuschauern um die Ohren. Es herrscht, von Anfang an, Explosionsgefahr, es sind in diesen Bildern enorme Energien gespeichert: Wer sich so tief unter die Oberfläche begibt, tut dies auf eigene Gefahr.

          Held und Gegenspieler

          „There Will Be Blood“ heißt dieser Film, in dem es um Bohrungen und Ausgrabungen geht; genauer: um zwei Männer, die den Stoff, den sie brauchen, sehr tief unten vermuten. Der eine heißt Daniel Plainview und ist, in Abwandlung der Genreregel, zugleich der Held des Films und sein Gegenspieler. „They were tall men, and they had long shadows“, hieß es einst in einem Western von Raoul Walsh, und so ein Mann ist Daniel Plainview, sehr groß und ziemlich düster von Anfang an. „Ich bin ein Ölmann“: So stellt er sich selber vor, aber eigentlich ist er, im Wortsinn, verbohrt. Erst schürft er nach Gold, dann sucht er das Öl, und in dem Moment, da er so viel davon gefunden hat, dass er nicht mehr selber hinuntersteigen muss, in diesem Moment beginnt der Abstieg des Daniel Plainview. Man könnte auch sagen: seine Höllenfahrt.

          Der andere Mann heißt Paul Thomas Anderson und ist der Regisseur - und was er sucht und versucht in diesem Film, das offenbart sich vielleicht am deutlichsten in einer ruhigen Minute des Films, wenn er den Kopf des Daniel Plainview in einer Großaufnahme zeigt: So ein Mensch (Daniel Day-Lewis spielt den Ölmann) ist noch härter und steiniger, noch schwerer zu durchdringen als der Felsenboden: Man muss ihn verwunden, wenn man wissen will, ob er da drinnen ein Herz hat. Und eine Moral.

          Der zarte Film übers Pornogeschäft

          Vor zehn Jahren wurde Paul Thomas Anderson bekannt: mit „Boogie Nights“, dem zarten Film, der schon deshalb unter die Haut ging, weil seine Helden im Pornogeschäft arbeiteten. „Magnolia“, Andersons wundervoller Ensemblefilm, berührte einen auch deshalb, weil hier das Schicksal selber nicht zu wissen schien, ob es bloß Zufall sei. Oder Notwendigkeit. Und am Schluss regnete es Frösche, was eine absurde und sehr kalifornische Verfilmung der zweiten biblischen Plage war.

          „There Will Be Blood“: Das ist die Ankündigung der ersten Plage. „Es wird Blut sein im ganzen Land Ägypten“, so steht es im zweiten Buch Mose, in welchem, fünf Kapitel weiter vorn, ein Kind, das in einem Korb liegt, gefunden wird. Und genau so kommt Plainview an seinen Sohn: Ein Mann stirbt bei Bohrarbeiten, sein Sohn liegt wie Moses neben dem Bohrloch, und in der nächsten Szene hat Plainview das Kind bei sich, und es sieht aus, als liebte er es über alles.

          Die letzten Tage der Vorzeit

          Dass Anderson hier das Alte Testament zitiert, klingt nach Prätention und weist doch auf das eigentliche Thema des Films, der auch ein Loch in die Zeit gebohrt hat. „There Will Be Blood“ spielt während des Ölbooms in Kalifornien; die Erzählung fängt an im Jahr 1898, sie endet 1927, und ihre Höhepunkte (und die gefährlichsten Tiefen) hat sie im Jahr 1911. Und wie Anderson das inszeniert, ein karges Tal, abseits der großen Städte, sieht man sofort: Die Geschichte ist hier noch nicht angekommen. Es sind die letzten Tage der Vorzeit. Noch ist das Gesetz nicht an der Herrschaft, noch sind die Institutionen nicht etabliert. Noch werden die Konflikte direkt ausgetragen und Geschäfte ohne einen Notar gemacht. Und wenn einer etwas Böses tut, ist das hier keine Straftat. Sondern eine Sünde.

          In dieser Welt also erzählt der Film die Geschichte des Daniel Plainview, der nicht bloß ein großer Mann, sondern vor allem ein gewaltiger Sünder ist. Plainview versündigt sich an der Gastfreundschaft, als er armen Farmern, die ihn bewirtet haben, deren Land zum Spottpreis abkauft, weil er weiß, dass ein See voller Öl darunter liegt. Er versündigt sich an seinem Sohn, als eine Ölquelle explodiert - und er den Brand löscht und danach erst sich um seinen Sohn kümmert, der vom Lärm das Gehör verloren hat. Und Plainview tötet im Zorn einen Mann, der sich als sein Bruder ausgegeben und sich sein Vertrauen erschlichen hat. Dass er die Menschen hasse und verachte, hat Plainview kurz zuvor dem anderen Mann gestanden, und die Hoffnung, die da kurz und intensiv die Szene erleuchtet hat, war die, dass so ein Satz, indem er ausgesprochen wird, sich selber dementierte.

          Böse und einsam

          Ja, dieser Daniel Plainview ist ein böser und ein einsamer Mann, nicht einmal einen Gott hat er, zu dem er sprechen könnte. Er hat nur seinen Sohn, dem er Whisky in die Milch gibt, damit er schlafe wie ein Mann, und dem er, wenn er überhaupt spricht, alles sagt. Und den er, weil die Taubheit bleibt, weshalb der Sohn den Vater nicht mehr hören und erhören kann, schließlich fast so heftig hasst wie sich selbst.

          Das sind die Emotionen, die diesen Film in Bewegung halten, eine Liebe, die sich gegen den Hass nicht behaupten kann; und die Leidenschaft fürs Bohren tiefer Löcher scheint sich aus einer großen Angst zu speisen, der Angst vor dem hohen Himmel über Kalifornien, der Angst, dieser Himmel könnte leer sein. Plainview leugnet Gott, wann immer er nach ihm gefragt wird; und die Farmer im Tal laufen einem seltsamen Heiligen hinterher, einem seltsamen Propheten, der keinen Bohrer braucht, um die Oberfläche zu durchdringen; er legt die Hand auf die Haut und sagt, er verjage so die Dämonen aus den Seelen, und Plainview, der den Zauber durchschaut, was ihn aber auch nicht glücklicher macht, Plainview zwingt, in einer der grausamsten Szenen dieses auch an grausamen Szenen sehr reichen Films, den Prediger dazu, seinem Glauben abzuschwören und seinen Gott zu verspotten. Falls es Dämonen gibt, dann sehen sie so aus wie Daniel Day-Lewis in dieser Szene.

          Dokument der Lust und Besessenheit

          Es spricht eher für als gegen Paul Thomas Anderson und seine Inszenierung, dass die Qualität und die Intensität von „There Will Be Blood“ sich anscheinend ganz unmittelbar auch jenen Zuschauern erschließt, die, wenn sie nach der Ursache für ihre Begeisterung suchen, auf einem ganz abgelegenen Terrain nach Erkenntnissen graben. Nur so ist es jedenfalls zu erklären, dass in ersten Kritiken zur Berlinale-Premiere davon die Rede war, dieser Film betreibe Kritik: am Kapitalismus, dessen Wahnsinn die Figur Daniel Plainview perfekt verkörpere; und an der Ausbeutung der Natur, die sich aber bitter räche für die Wunden, welche ihr die Bohrer der Ölsucher zugefügt hätten. Ja, „There Will Be Blood“ basiert auf „Oil“, einem Roman von Upton Sinclair, und dieser Schriftsteller wird von jeder Literaturgeschichte unter den Gesellschaftskritikern verzeichnet - auch wenn man seine Romane sehr gut als Reportagen lesen kann; und, mit großem Gewinn, als Dokumente der Lust des Autors an seinen Themen, ja der Besessenheit für seinen Stoff.

          Nein, Anderson betreibt hier keine Kapitalismuskritik. Nicht, weil es nichts zu kritisieren gäbe. Sondern weil er von Verhältnissen erzählt, in welchen der Stoff, um den es geht, noch nicht zur Abstraktion geronnen ist. Es geht um Öl, um Gott, um den Tod. Nicht um Kapitalismus und Religion. Und als die Abgesandten avancierterer Verhältnisse endlich ankommen in der Welt dieses Films, als die Unterhändler des Großkonzerns Standard Oil bei Plainview vorsprechen, ihm eine unfassbare Summe bieten für seine Ölfelder und Förderrechte; und auf seine Frage, warum er verkaufen solle, antwortet so ein Mann von Standard Oil: weil er sich dann besser um seinen Sohn kümmern könne - da explodieren die Gefühle tief drinnen in der Seele dieses Vaters, und er brüllt die Männer an, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. Und er erklärt der Firma Standard Oil den Krieg.

          Mit der Logik des Kapitalismus hat das nichts zu tun, mit der Logik der Emotionen umso mehr - und natürlich ist das für die Zuschauer eine wesentlich größere Herausforderung, als wenn hier Verhältnisse, deren Kritisierbarkeit bekannt ist, noch einmal kritisiert würden. Dieser einsame Held, dessen letzte Zuhörer und Mitwisser wir sind, dieser Regisseur, dessen Inszenierung auch unsere Versteinerungen sprengt: es ist nicht ganz leicht, diesen Film auszuhalten. Man braucht außer guten Nerven auch eine Moral.

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