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Video-Filmkritik : Alttestamentarische Wucht: „There Will Be Blood“

Bild: Disney

Daniel Day-Lewis als Ölmann ist noch härter und steiniger, noch schwerer zu durchdringen als der Felsenboden: Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ ist ein großer Film, den man nicht leicht aushalten kann.

          5 Min.

          Dies ist ein Film mit Tiefgang; er beginnt, nach einem kurzen Blick auf eine Landschaft, die heiß und steinig ist, weit unten, unter der Oberfläche, zehn Meter mindestens, wo es eng ist und sehr dunkel. Und wenn es hell wird, für den Bruchteil von Sekunden, dann kommt das von den Funken, die da sprühen, weil ein Mann mit einer Hacke und enormer Wucht gegen die Felsen schlägt.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Und weil noch kein Wort gesprochen wurde; weil man nicht weiß, was der Mann dort unten sucht; weil man auch nicht viel sieht außer einer großen Dunkelheit und einer schwarzbraunen Flüssigkeit, die aus den Ritzen tropft: deshalb fürchtet man als Zuschauer immer, das könnte Öl sein - und beim nächsten Funkenflug werde der Stoff sich entzünden, und die Bilder des Films flögen uns Zuschauern um die Ohren. Es herrscht, von Anfang an, Explosionsgefahr, es sind in diesen Bildern enorme Energien gespeichert: Wer sich so tief unter die Oberfläche begibt, tut dies auf eigene Gefahr.

          Held und Gegenspieler

          „There Will Be Blood“ heißt dieser Film, in dem es um Bohrungen und Ausgrabungen geht; genauer: um zwei Männer, die den Stoff, den sie brauchen, sehr tief unten vermuten. Der eine heißt Daniel Plainview und ist, in Abwandlung der Genreregel, zugleich der Held des Films und sein Gegenspieler. „They were tall men, and they had long shadows“, hieß es einst in einem Western von Raoul Walsh, und so ein Mann ist Daniel Plainview, sehr groß und ziemlich düster von Anfang an. „Ich bin ein Ölmann“: So stellt er sich selber vor, aber eigentlich ist er, im Wortsinn, verbohrt. Erst schürft er nach Gold, dann sucht er das Öl, und in dem Moment, da er so viel davon gefunden hat, dass er nicht mehr selber hinuntersteigen muss, in diesem Moment beginnt der Abstieg des Daniel Plainview. Man könnte auch sagen: seine Höllenfahrt.

          Der andere Mann heißt Paul Thomas Anderson und ist der Regisseur - und was er sucht und versucht in diesem Film, das offenbart sich vielleicht am deutlichsten in einer ruhigen Minute des Films, wenn er den Kopf des Daniel Plainview in einer Großaufnahme zeigt: So ein Mensch (Daniel Day-Lewis spielt den Ölmann) ist noch härter und steiniger, noch schwerer zu durchdringen als der Felsenboden: Man muss ihn verwunden, wenn man wissen will, ob er da drinnen ein Herz hat. Und eine Moral.

          Der zarte Film übers Pornogeschäft

          Vor zehn Jahren wurde Paul Thomas Anderson bekannt: mit „Boogie Nights“, dem zarten Film, der schon deshalb unter die Haut ging, weil seine Helden im Pornogeschäft arbeiteten. „Magnolia“, Andersons wundervoller Ensemblefilm, berührte einen auch deshalb, weil hier das Schicksal selber nicht zu wissen schien, ob es bloß Zufall sei. Oder Notwendigkeit. Und am Schluss regnete es Frösche, was eine absurde und sehr kalifornische Verfilmung der zweiten biblischen Plage war.

          „There Will Be Blood“: Das ist die Ankündigung der ersten Plage. „Es wird Blut sein im ganzen Land Ägypten“, so steht es im zweiten Buch Mose, in welchem, fünf Kapitel weiter vorn, ein Kind, das in einem Korb liegt, gefunden wird. Und genau so kommt Plainview an seinen Sohn: Ein Mann stirbt bei Bohrarbeiten, sein Sohn liegt wie Moses neben dem Bohrloch, und in der nächsten Szene hat Plainview das Kind bei sich, und es sieht aus, als liebte er es über alles.

          Die letzten Tage der Vorzeit

          Dass Anderson hier das Alte Testament zitiert, klingt nach Prätention und weist doch auf das eigentliche Thema des Films, der auch ein Loch in die Zeit gebohrt hat. „There Will Be Blood“ spielt während des Ölbooms in Kalifornien; die Erzählung fängt an im Jahr 1898, sie endet 1927, und ihre Höhepunkte (und die gefährlichsten Tiefen) hat sie im Jahr 1911. Und wie Anderson das inszeniert, ein karges Tal, abseits der großen Städte, sieht man sofort: Die Geschichte ist hier noch nicht angekommen. Es sind die letzten Tage der Vorzeit. Noch ist das Gesetz nicht an der Herrschaft, noch sind die Institutionen nicht etabliert. Noch werden die Konflikte direkt ausgetragen und Geschäfte ohne einen Notar gemacht. Und wenn einer etwas Böses tut, ist das hier keine Straftat. Sondern eine Sünde.

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