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Video-Filmkritik : Alttestamentarische Wucht: „There Will Be Blood“

In dieser Welt also erzählt der Film die Geschichte des Daniel Plainview, der nicht bloß ein großer Mann, sondern vor allem ein gewaltiger Sünder ist. Plainview versündigt sich an der Gastfreundschaft, als er armen Farmern, die ihn bewirtet haben, deren Land zum Spottpreis abkauft, weil er weiß, dass ein See voller Öl darunter liegt. Er versündigt sich an seinem Sohn, als eine Ölquelle explodiert - und er den Brand löscht und danach erst sich um seinen Sohn kümmert, der vom Lärm das Gehör verloren hat. Und Plainview tötet im Zorn einen Mann, der sich als sein Bruder ausgegeben und sich sein Vertrauen erschlichen hat. Dass er die Menschen hasse und verachte, hat Plainview kurz zuvor dem anderen Mann gestanden, und die Hoffnung, die da kurz und intensiv die Szene erleuchtet hat, war die, dass so ein Satz, indem er ausgesprochen wird, sich selber dementierte.

Böse und einsam

Ja, dieser Daniel Plainview ist ein böser und ein einsamer Mann, nicht einmal einen Gott hat er, zu dem er sprechen könnte. Er hat nur seinen Sohn, dem er Whisky in die Milch gibt, damit er schlafe wie ein Mann, und dem er, wenn er überhaupt spricht, alles sagt. Und den er, weil die Taubheit bleibt, weshalb der Sohn den Vater nicht mehr hören und erhören kann, schließlich fast so heftig hasst wie sich selbst.

Das sind die Emotionen, die diesen Film in Bewegung halten, eine Liebe, die sich gegen den Hass nicht behaupten kann; und die Leidenschaft fürs Bohren tiefer Löcher scheint sich aus einer großen Angst zu speisen, der Angst vor dem hohen Himmel über Kalifornien, der Angst, dieser Himmel könnte leer sein. Plainview leugnet Gott, wann immer er nach ihm gefragt wird; und die Farmer im Tal laufen einem seltsamen Heiligen hinterher, einem seltsamen Propheten, der keinen Bohrer braucht, um die Oberfläche zu durchdringen; er legt die Hand auf die Haut und sagt, er verjage so die Dämonen aus den Seelen, und Plainview, der den Zauber durchschaut, was ihn aber auch nicht glücklicher macht, Plainview zwingt, in einer der grausamsten Szenen dieses auch an grausamen Szenen sehr reichen Films, den Prediger dazu, seinem Glauben abzuschwören und seinen Gott zu verspotten. Falls es Dämonen gibt, dann sehen sie so aus wie Daniel Day-Lewis in dieser Szene.

Dokument der Lust und Besessenheit

Es spricht eher für als gegen Paul Thomas Anderson und seine Inszenierung, dass die Qualität und die Intensität von „There Will Be Blood“ sich anscheinend ganz unmittelbar auch jenen Zuschauern erschließt, die, wenn sie nach der Ursache für ihre Begeisterung suchen, auf einem ganz abgelegenen Terrain nach Erkenntnissen graben. Nur so ist es jedenfalls zu erklären, dass in ersten Kritiken zur Berlinale-Premiere davon die Rede war, dieser Film betreibe Kritik: am Kapitalismus, dessen Wahnsinn die Figur Daniel Plainview perfekt verkörpere; und an der Ausbeutung der Natur, die sich aber bitter räche für die Wunden, welche ihr die Bohrer der Ölsucher zugefügt hätten. Ja, „There Will Be Blood“ basiert auf „Oil“, einem Roman von Upton Sinclair, und dieser Schriftsteller wird von jeder Literaturgeschichte unter den Gesellschaftskritikern verzeichnet - auch wenn man seine Romane sehr gut als Reportagen lesen kann; und, mit großem Gewinn, als Dokumente der Lust des Autors an seinen Themen, ja der Besessenheit für seinen Stoff.

Nein, Anderson betreibt hier keine Kapitalismuskritik. Nicht, weil es nichts zu kritisieren gäbe. Sondern weil er von Verhältnissen erzählt, in welchen der Stoff, um den es geht, noch nicht zur Abstraktion geronnen ist. Es geht um Öl, um Gott, um den Tod. Nicht um Kapitalismus und Religion. Und als die Abgesandten avancierterer Verhältnisse endlich ankommen in der Welt dieses Films, als die Unterhändler des Großkonzerns Standard Oil bei Plainview vorsprechen, ihm eine unfassbare Summe bieten für seine Ölfelder und Förderrechte; und auf seine Frage, warum er verkaufen solle, antwortet so ein Mann von Standard Oil: weil er sich dann besser um seinen Sohn kümmern könne - da explodieren die Gefühle tief drinnen in der Seele dieses Vaters, und er brüllt die Männer an, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. Und er erklärt der Firma Standard Oil den Krieg.

Mit der Logik des Kapitalismus hat das nichts zu tun, mit der Logik der Emotionen umso mehr - und natürlich ist das für die Zuschauer eine wesentlich größere Herausforderung, als wenn hier Verhältnisse, deren Kritisierbarkeit bekannt ist, noch einmal kritisiert würden. Dieser einsame Held, dessen letzte Zuhörer und Mitwisser wir sind, dieser Regisseur, dessen Inszenierung auch unsere Versteinerungen sprengt: es ist nicht ganz leicht, diesen Film auszuhalten. Man braucht außer guten Nerven auch eine Moral.

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