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Video-Filmkritik : Alles über unsere Mutter: „Die Frau, die singt“

Bild: Arsenal

In dem oscar-nominierten Film von Denis Villeneuve machen sich zwei junge Erwachsene auf die Suche nach dem Schicksal ihrer Mutter.

          2 Min.

          Es gibt viele Geschichten von Einwanderern, von verlorenen Heimaten, von versetzten Seelen und Biographien, deren Anfang sich erst vom Ende her entschlüsselt. Aber was der Frankokanadier Denis Villeneuve in seinem in diesem Jahr für den Auslands-Oscar nominierten Film „Die Frau, die singt“ macht, ist doch etwas ganz Besonderes.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist eine Geschichte von monströsen Ausmaßen, und er erzählt sie, indem er den Bewegungen zweier junger Erwachsener folgt, die das Leben ihrer Mutter, bevor sie geboren wurden, in einem fernen Land zu rekonstruieren suchen. Nicht, weil sie es wollten oder weil sie entdeckt hätten, dass es Geheimnisse gibt. Nicht, weil sie denken, die Kenntnis der eigenen Wurzeln könne irgendetwas zu ihrem Leben beitragen. Die Geschwister Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) machen sich von Montreal aus, wo sie leben und das ihre Heimat ist, auf in ein entlegenes Land, weil die Mutter es ihnen in ihrem Testament aufgegeben hat.

          Liefert zwei Briefe ab, lässt die Mutter den Notar, der auch ihr Chef war, ihren Kindern nach ihrem Tod mitteilen. Einen an euren Vater - von dem die Geschwister dachten, er sei lange tot. Und den anderen an euren Bruder - von dessen Existenz die beiden bis zu diesem Zeitpunkt gar nichts wussten.

          Ein Punkt, der unerträglich ist

          Zuerst macht sich die Tochter, in Kanada als Mathematikerin tätig und vollkommen integriert, auf die Suche nach Vater und Bruder und damit eigentlich auf die Suche nach der Person, die ihre Mutter einmal war. Sie fliegt in ein Land im Nahen Osten, das namenlos bleibt, aber ganz offensichtlich der Libanon ist, geht an die Orte, an denen die Mutter aufwuchs, und erfährt, was in ihrem Leben bisher gar keine Rolle spielte: dass ihre Mutter von ihrer strenggläubig christlichen Familie verstoßen wurde, weil sie von einem palästinensischen Flüchtling schwanger war. Dass sie ein Kind gebar, das ihre Mutter wiederum in ein Waisenhaus steckte. Dass sie studierte, sich radikalisierte, gefangengenommen und vergewaltigt wurde und all das Grauen erlebte, von dem die Tochter kaum je gelesen hat. Als die Geschichte einen Punkt erreicht, der für die Tochter unerträglich ist, steigen der Zwillingsbruder und schließlich auch der Notar in die Recherche ein.

          Denis Villeneuve erzählt diese parallel geführten Geschichten mit großem Gespür für den Rhythmus einer Suche, die erst tastend, leicht schreckhaft und unsicher ist, dann Tritt fasst und selbstbewusster wird, fragender, drängender. Er zeigt uns allein darin, wie unterschiedlich das Wetter, die Temperatur, die Texturen der Landschaft und die Sprachen sind, eine große Fremdheit innerhalb einer Familie, die wir als warmherzig kennengelernt hatten. Und er führt uns in die Fegefeuer der Fanatismen, von vermeintlich religiösem Furor beheizt, auf christlicher wie auf muslimischer Seite.

          Die Kette reißt durch Verzeihung

          Alles an diesem Film ist unerwartet - die großartigen Darsteller, die Landschaften, die Gewalt, die Blicke zwischen den Geschwistern, die Rolle des Notars, die Auflösung der Rätsel. Dass er auf einem Theaterstück basiert, das Wajdi Mouawad, der im Alter von acht Jahren aus dem Libanon nach Frankreich floh, geschrieben hat, sieht man dem Film in keinem Moment an, so weit holen die Kamera und die Erzählung aus, um sinnfällig zu machen, worum es hier geht - wie jeder Greuel einen anderen hervorruft und jede Gewalttat mit größerer Grausamkeit beantwortet wird.

          Am Ende ist das Rätsel, das die Mutter ihren Kindern aufgab, auf schrecklichste Weise gelöst. Man muss schon sehr an die Menschen glauben, um zu begreifen, wie die nicht endende Kette von Gewalttätigkeit plötzlich dann doch reißt. Nicht durch Verstehen, nicht durch Bekenntnis, sondern durch Verzeihen. Ob wir das glauben? Vielleicht nicht. Aber Villeneuve glaubt es, und das reicht, um uns zu bewegen - und wenigstens die Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

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