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Video-Filmkritik : Ode an die Freude

Bild: Disney

Wer sitzt an den Schalthebeln unserer Gefühle? Pixars neuer Zeichentrickfilm „Alles steht kopf“ blickt in den Kopf eines kleines Mädchens, um das sich Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst scharen.

          3 Min.

          Am Anfang ist alles die reine Freude. Und so ist denn auch am Schaltpult im Kopf des Neugeborenen nur ebenjene am Drücker: Freude, auf Englisch „Joy“ (was einen besseren Rufnamen abgibt). Sie ist jung und schlank und elegant und goldgebräunt, hat ein schickes grünes Kleidchen an und einen tiefblauen Kurzhaarschnitt - ein Traum von einer Frau für manchen Mann, doch hier steht sie ganz im Dienste eines Mädchens namens Riley, deren erste Blicke in die Welt wir zu Beginn begleiten dürfen: Da ist Mama, da kommt Papa - reine Freude, wie gesagt. Auch für Joy, wie wir sie des schöneren Rufnamens halber weiterhin nennen wollen, auch wenn sie in der deutschen Fassung ständig mit „Freude“ angesprochen wird.

          Fünf Piloten an einem Schaltpult

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Von wem? Von den weiteren vier Gesellen im Kopf und am Schaltpult von Riley, die sich zur Überraschung von Joy alsbald einstellen: Kummer, Angst, Ekel und Wut (die englischen Namen sind da so befremdlich wie die deutschen). Mit wachsender Welterkenntnis regen sich nämlich andere Gefühle und wollen auch ans Steuer. Klar, dass so etwas nicht ohne Auseinandersetzungen abgeht - so ist das Leben. Klar auch - so ist das Filmgeschäft -, dass Freude die besten Karten dabei hat. Joy ist die Hauptperson in diesem Film.

          „Alles steht kopf“ heißt er auf Deutsch, „Inside Out“ im Original, beides gut gewählt, weil beides wahr. Riley steht im Alter von etwa zehn Jahren eine einschneidende Veränderung bevor: Ihre Eltern ziehen mit ihr aus der Provinz in Minnesota nach San Francisco in Kalifornien. Freunde, vertraute Umgebung, Eishockey und schönes Haus bleiben zurück, der Möbelwagen geht auf der Strecke verloren, Papa entwickelt sich im neuen Job zum Dauertelefonierer, die Mitschüler sind blasierte Großstadtblagen. Der Start an der Westküste erweist sich somit als, gelinde gesagt, heikel. Die fünf potentiellen Piloten im Kopf von Riley haben alle Hände voll zu tun und - wenn man ehrlich ist - genauso wenig Ahnung davon, was ihnen da gerade geschieht, wie das Mädchen, das sie doch durchs Leben steuern sollen.

          Wilde Action und tiefe Melancholie

          Vor allem geht die Freude flöten, und zwar buchstäblich, denn als aus Himmelblau Grau und Riley alles zu viel wird, macht sich Joy aus der Steuerzentrale auf, um die bedrohten positiven Kernerinnerungen zu bewahren. Mit der trübblauen und dicklichen Kummer hat sie ihr personifiziertes Gegenteil als Begleiterin, doch bis sich - Überraschung! - schließlich erweist, dass man alle Gefühle braucht, um ein ordentliches Leben zu führen, vergehen neunzig animierte und animierende Minuten voller wilder Aktion und bisweilen auch tiefer Melancholie.

          Ein typischer Pixar-Film also, ganz in der Tradition von „Die Monster AG“ aus dem Jahr 2001 oder „Oben“ von 2009 - jenen Meisterwerken, die Pete Docter als Regisseur berühmt gemacht haben. Nun hat er gemeinsam mit Ronaldo Del Carmen, einer weiteren Kraft aus der schier unerschöpflichen kreativen Reserve des Pixar-Studios (der 1959 auf den Philippinen geborene Trickfilmer gibt hier sein Regiedebüt), „Alles steht kopf“ entwickelt und umgesetzt. Nichts steht da allerdings ästhetisch oder erzählerisch kopf; das alles hat so nahtlos ins Pixar-Konzept zu passen wie ein Soldat ins Garderegiment beim Staatsempfang.

          Wut und Ekel taugen für witzige Szenen

          Überraschung also null. Dafür gibt es manches Schmankerl für Kenner der Animationsgeschichte im Allgemeinen und natürlich der Filmographie von Pixars Mutterkonzern Disney im Speziellen. Die Grundidee zu „Alles steht kopf“ geht auf einen gezeichneten Kurzfilm von 1943 zurück, „Reason and Emotion“ (Vernunft und Gefühl), in dem im Kopf eines Mannes ebenjene beiden Kräfte miteinander stritten, wobei viel mehr als die sachlich-trockene Vernunft die grandios als ungebärdiger Höhlenmensch (nach dem Vorbild des legendären Animators Ward Kimball) gestaltete Gefühls-Figur in Erinnerung blieb. Auch in „Alles steht kopf“ taugen Wut und Ekel für witzigere Szenen als die Hauptfigur der Freude.

          Aber witziger zu sein, heißt ja noch nicht, dass dadurch der Film missriete. Warum stimmt trotzdem etwas nicht mit „Alles steht kopf“? Weil es - Fluch des Themas? - Denkfehler gibt. Zum Beispiel sitzt einmal die ganze Familie zusammen beim Frühstück, und ein Konflikt bahnt sich an. Plötzlich befinden wir uns als Zuschauer auch in den Schaltzentralen von Mama und Papa, und dort sitzen natürlich genau dieselben Akteure, also Freude, Kummer, Angst, Ekel und Wut, durch ihre jeweiligen Signalfarben sind sie leicht zu identifizieren. Erster Denkfehler: Bei Papa sind alle Personifikationen männlich, bei Mama weiblich.

          Unstimmigkeiten im Drehbuch

          In Rileys Kopf aber sind die Geschlechter gemischt: Angst und Wut sind Männer. Was soll das? Oder warum ist es bei den Eltern nicht auch so? Und während in Rileys Kopf Joy federführend die Schalter umlegt, sind es bei Mama die Kummer- und bei Papa die Wut-Figuren. Aber das hat für deren normales Handeln gar keine Konsequenzen. Während sich der ganze Film damit beschäftigt, wie bei Riley das dominante Gefühl von Freude bewahrt werden kann, dürfen bei den Eltern die anderen schalten und walten. Mama ist aber gar nicht grundsätzlich traurig und Papa nicht cholerisch - im Gegenteil.

          Wie konnte das den erfahrenen Drehbuchschreibern von Pixar (diesmal sind insgesamt sechs ausgewiesen, darunter die beiden Regisseure) passieren? Ist ihnen das Gefühl für die Sorgfalt, die dieses Studio so berühmt gemacht hat, abhandengekommen? Dann bitte rasch wieder zurück mit diesem Gefühl an die Steuerknüppel im Pixar-Gehirn, denn für die kommenden drei Jahre sind sieben Animationsfilme in Planung. Noch herrscht darüber das Gefühl der Freude vor. Aber Angst steigt auf.

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