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Video-Filmkritik : Alle Wege zum Ich führen nach Hollywood: „Der große Trip“

Bild: 20th Century Fox

Auf einem Selbstfindungstrip wandert Reese Witherspoon den Pacific Crest von Mexiko nach Kanada. Trotz des Einsatzes von Nick Hornby als Drehbuchautor fallen dabei dämliche Sätze.

          Wandern ist prinzipiell eine gute Idee. Frische Luft für die Lunge und die Seele, Naturerlebnisse, Selbsterfahrung, Läuterung, das alles kann passieren, wenn man einen Rucksack packt und sich auf den Weg macht, es gibt da prominente Beispiele.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht auf einen Pilgerpfad mit vielen anderen, sondern auf einen berühmten Weg in die Einsamkeit mit ganz wenigen Begegnungen - den Pacific Crest Trail von Südkalifornien hinauf bis an die Grenze zu Kanada - machte sich Cheryl Strayed. Der Name ist nicht echt, wie könnte er es sein: strayed wie „räudig“. So kommt sich Cheryl nämlich vor. Denn bevor sie mit dem Wandern anfing, hatte sie eine Menge Probleme, sie trauerte um ihre frühverstorbene Mutter, nahm Drogen, betrog ihren liebenden Ehemann.

          Wenig originelles Drehbuch

          Sie war auf dem typisch selbstmitleidigen, rücksichtslosen Selbstzerstörungstrip einer jungen Frau, die meint, ihr allein spiele das Leben übel mit. Einer Frau, die auf diese Weise weit älter als dreißig wurde. Um dann mit dem Wandern zu beginnen, auf dem Weg zu sich selbst und hinein in die vielfältigen Naturspektakel Amerikas. Danach schrieb sie ein Buch („Wild: From Lost to Found on the Pacific Crest Trail“), und Reese Witherspoon, ihren Blondinenrollen längst entwachsen und immer auf der Suche nach guten oder wenigstens passablen Rollen für sich selbst, sicherte sich die Filmrechte.

          Das Drehbuch hat Nick Hornby geschrieben. Aber er hat keinen originellen Dreh gefunden, die Wanderung, die naturgemäß phantastische Landschaftsbilder hergibt und einige komische Szenen - Cheryl hat einen Monsterrucksack gepackt, der sie fast erdrückt, und weder geübt, ein Zelt aufzubauen, noch ihre Schuhe eingelaufen - mit den Rückblenden ins frühere Leben der Heldin, das der Anlass für die Wanderung war, kurzzuschließen. Cheryl wandert, wenn sie rastet, liest sie Anspruchsvolles, und zwischendurch denkt sie über ihr Leben nach.

          Selbstfindungstrip wird Bestseller

          Woran sie denkt, das sehen wir in den Rückblenden, bis sie irgendetwas wieder in die Wirklichkeit zurückbringt, ein Tier, ein Hindernis, eine Begegnung mit einem anderen Wanderer oder einer Gruppe von Männern, denen sie gerade noch entkommt. Das ist ein dröges Verfahren, das keinen Erzählrhythmus aufkommen lässt. Auch zur Figurenzeichnung eignet es sich kaum, weil es immer schon ein vergangenes Ich ist, an das Cheryl sich erinnert, ihr schon fremd geworden. Wie könnten wir ihr da näherkommen? „Ich brauchte vier Jahre“, sagt Cheryl, „um die Frau zu werden, die meine Mutter großgezogen hat.“ Das ist ein in jeder Hinsicht bescheuerter Satz. Er fällt in den ersten Minuten.

          Das Irre an den Amerikanern auf der Suche nach sich selbst ist: Wenn sie sich nicht verlieren, wie Christopher McCandless in Jon Krakauers Buch „Into the Wild“, aus dem Sean Penn den ungleich besseren Film gemacht hat, dann finden sie nicht nur sich. Sie schreiben unbedingt ein Buch darüber, das fast zwangsläufig ein Bestseller wird, aus dem dann in Hollywood oder gleich nebenan ein Star-Vehikel wird. Und erst damit ist recht eigentlich die Suche nach dem Ich beendet. Dass der Film langweilig ist, dass weder Hornby noch der Regisseur Jean-Marc Vallée, noch Reese Witherspoon in der Hauptrolle und als Produzentin aus diesem alten Stoff etwas Neues machen konnten - spielt es da eine Rolle?

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