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Video-Filmkritik: „All is Lost“ : Das Meer in uns

Bild: Universum

Robert Redford spielt in J. C. Chandors Film „All is Lost“ einen Schiffbrüchigen auf dem Indischen Ozean. Ein großes Kinodrama über den Kampf zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe.

          Das Schöne am Kino ist, dass es wahr macht, was wir nur denken. Wir reden über die Stürme des Lebens, wir treiben durch Flauten und Wellentäler, wir werfen Träume und Illusionen über Bord, wir lassen uns von Philosophen erklären, unser Bewusstsein sei eine Nussschale auf dem Ozean des Unbewussten. Aber das alles sind nur Sprachbilder. Niemand, der sie benutzt, weiß wirklich, was es bedeutet, allein auf dem Meer zu sein. Bis man es sieht.

          Noch ist nichts verloren

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Mann erwacht in einer Bootskajüte. Heller Tag. Wellenrauschen. Durch ein Leck in der Bordwand dringt Wasser ins Boot. Der Mann ist unterwegs auf dem Indischen Ozean, irgendwo südwestlich der Sumatrastraße, und ein losgerissener Container hat seine Segelyacht gerammt. Er klettert auf den Container, aus dem Laufschuhe herauspurzeln, macht einen Treibanker daran fest, löst die Yacht von dem Metallbehälter und besichtigt den Schaden. Laptop und Funkgerät sind durchnässt. Aber noch ist nichts verloren.

          Der Mann hat einen Namen und eine Geschichte, aber beides erfahren wir nicht. Als das Funkgerät später für kurze Zeit wieder funktioniert, bevor es endgültig verstummt, hören wir den Namen seines Bootes: „Virginia Jean“. Das ist alles. Der Rest ist Schweigen und Arbeit. Doch der Unbekannte wird von Robert Redford gespielt, und deshalb braucht er keinen Namen, um uns vertraut zu sein.

          Unvergessene Filmfiguren

          Er tritt zu einer langen Reihe von Gestalten, zu der unter anderen der Trapper Jeremiah Johnson, der Outlaw Sundance Kid, der „elektrische Reiter“ Norman Steele und der Großwildjäger Denys Finch Hatton gehören, eine Reihe aus dem ewigen Bildergedächtnis des Kinos. Der unbekannte Skipper, um es vorwegzunehmen, ist in dieser Galerie kein Nachzügler, keine Fußnote, sondern eine der ganz großen Figuren, eine jener Rollen, an die man sich erinnern wird, solange es Filme gibt.

          Nichts ist verloren. Die aufgerissene Bordwand lässt sich mit Plastikfetzen flicken, der verlorene Hebel der Handpumpe durch einen selbstgeschnitzten ersetzen, auch wenn sich das fortgeschrittene Alter des Mannes - Redford ist siebenundsiebzig, seine Figur kaum jünger - beim Pumpen und Kleben und Klettern bemerkbar macht, in der Langsamkeit seiner Bewegungen, in den Pausen, die er bei seiner Arbeit braucht.

          Die Yacht kentert

          Aber dann treibt das Boot in einen Tropensturm. Der Mann versucht, sein Gefährt durch die kochenden Wassermassen zu steuern. Ein Brecher wirft ihn über Bord. Mit Mühe klammert er sich am zerfetzten Segel fest, erreicht die Kajüte, schließt die Deckluke. Es ist nur eine Atempause. Ein weiterer Brecher bringt die Yacht zum Kentern. Der Mast bricht, Wasser schießt ins Boot, der Skipper stößt sich die Stirn an und verliert das Bewusstsein. Dunkel. Stille.

          Es ist der Augenblick, in dem man begreift, dass dies keine Geschichte vom Überleben ist, sondern eine über die Haltung, mit der man lebt. Die Haltung, schärfer gesagt, mit der man untergeht. Denn es gibt ja kein Mittel gegen den Orkan. Wenn „All is Lost“, wie fast alle Filme, die auf dem Meer spielen, eine Parabel ist, dann liegt ihr Sinn direkt an der Oberfläche, und dort kann man lesen, dass der Mann, den Robert Redford verkörpert, keine Chance hat.

          Zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe

          Am Morgen nach dem Sturm beginnt die „Virginia Jean“ zu sinken. Der Skipper lässt die Rettungsinsel zu Wasser, versorgt seine Stirnwunde, birgt Vorräte, Sextant, Navigationskarte. Und plötzlich erinnert man sich wieder, was der Mann getan hat, bevor das Inferno losging: Er hat sich rasiert. In einem anderen Film wäre das nicht der Rede wert. Hier ist es die Geste, die den Unterschied macht zwischen Selbstbehauptung und Selbstaufgabe, zwischen Stolz und Instinkt.

          J. C. Chandor, der Regisseur von „All is Lost“, ist vor drei Jahren mit seinem Debütfilm „Margin Call“ bekannt geworden. Darin ging es um die Finanzkrise 2008, den Zusammenbruch von Lehman Brothers: redende Köpfe, panische Zahlen. Auf den ersten Blick ist die Seglerstory dazu das Gegenprogramm: ein Film ohne Dialog, nur mit einem „Fuck!“ hier und einem „Help!“ da und einem Abschiedsbrief, der, gleich am Anfang aus dem Off gelesen, die Geschichte rahmt und ihr den Titel gibt. Wer aber genau hinschaut, merkt, dass Chandor nur die Tonart, nicht das Thema gewechselt hat.

          Männer in extremis

          Männer in extremis, das ist sein Sujet. Handwerker, keine Helden. Praktiker am Kap der Verzweiflung. Insofern ist es ein Jammer, dass „All is Lost“ erst jetzt bei uns anläuft, denn er ist neben „Gravity“ der zweite große amerikanische Film des Jahres 2013. Wie Sandra Bullocks Astronautin erlebt Redfords Skipper den stufenweisen Zusammenbruch der technischen Zivilisation, bis er am Ende buchstäblich in einer Nussschale landet. Eine Unterwasseraufnahme zeigt, wie ein Rudel Haie das winzig wirkende Rettungsboot umkreist. Es ist nicht der väterliche Blick, mit dem die Verfilmung von Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ auf ihren Helden Spencer Tracy schaute, es ist die kältere, ernüchterte Perspektive eines neuen Jahrhunderts, das die Allmachtsphantasien des alten längst durch Überlebensszenarien ersetzt hat.

          „Alles ist verloren.“ Das schreibt der Skipper auf ein Blatt Papier, das er in eine Flasche steckt, bevor er, allein auf dem Ozean, seine letzten Besitztümer in Brand steckt. Feuer und Wasser, Rettung und Untergang - am Ende ist in „All is Lost“ alles ganz nah beisammen, und man muss dem Film dankbar sein, dass er den Knoten, den er daraus schlingt, nicht völlig auflöst. J. C. Chandor jedenfalls gehört jetzt endgültig zu den wichtigeren Regisseuren in Hollywood. Und Robert Redford, der nie ein passionierter Segler war, wird es, wie er sagt, nach den Erfahrungen beim Drehen auf offenem Meer auch nicht mehr werden. Ist das Magie? Nein, Kino.

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