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Video-Filmkritik : Ärger im Paradies: „The Descendants“

George Clooney stolpert durch Alexander Paynes Komödie "The Descendants", findet aber immer einen Weg. Film, Regisseur und Hauptdarsteller sind jeweils für einen Oscar nominiert.

          3 Min.

          Nur noch selten bekommen wir einen Hollywoodfilm zu sehen, der aussieht wie dieser von Alexander Payne: erwachsen in seinen Themen, traurig und komisch, verdammt gut gespielt bis in die Nebenrollen hinein (Beau Bridges braucht nur drei Auftritte, um klarzumachen, wie man als reicher Erbe auf Hawaii fett wird und dabei lässig bleibt), mit einer gewissen Distanz gedreht zum Unglück, das hereinbricht, und ohne Sentimentalität, was seine Folgen angeht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Früher einmal war das der amerikanische Mainstream - ein Kino, das einem das Herz ein bisschen wärmte, ohne dass man allzu misstrauisch wurde über den Realitäts- und Sinngehalt des Ganzen. Das Figuren in eine extreme Lage zwang, über deren katastrophale Folgen wir immer noch lachen konnten. Es war ein Kino, das trotz allem an die Möglichkeit glaubte, Menschen könnten sich ändern und ihr Leben, das an ihnen vorbeiging, doch noch an sich ziehen, obwohl nichts dafür sprach, dass sie anfangen würden, nach lebenslang falsch getroffenen Entscheidungen mal den richtigen Weg zu wählen.

          Es waren Familienfilme im besten Sinn, denken wir an Spencer Tracy oder Joel McCrea, die Figuren spielen konnten, wie sie jetzt George Clooney bekommt - der dabei ganz heutig aussieht und sich benimmt wie einer, dem das Paradies, das es früher auch noch gab, ziemlich wurscht ist. Und die Mode von früher auch. Zum Beispiel in "The Descendants". Da trägt er Bootslatschen, wildgemusterte Hemden und Bermudashorts.

          Eine Geschichte aus einem vordergründigen Paradies

          Am Anfang sehen wir das glückliche Gesicht einer Frau, die Haare flattern im Wind, das Meer glitzert, die Sonne scheint, die Farben sind klar. Das sind sie nach dem Schnitt aus diesem Bild heraus nie mehr in diesem Film, was eine künstlerische Entscheidung mit einiger Konsequenz ist, denn "The Descendants" spielt im Paradies. Jedenfalls dort, wo es viele vermuten, auf Hawaii. Die Frau (Patricia Hastie) fährt Wasserski. Nach dem ersten glücklichen Bild sehen wir sie nur noch im Krankenbett im Koma liegen.

          George Clooney spielt ihren Ehemann, Matt King. Er sitzt an ihrem Bett, sicher, dass sie gleich aufwachen wird, und brütet über Papieren, die seinen erheblichen Grundbesitz betreffen. Er ist mit einem Haufen Cousins der Erbe eines seit Jahrhunderten im Familienbesitz befindlichen unbebauten Grundstücks in einer bewaldeten Bucht, das die Erbengemeinschaft nun verkaufen will, was alle noch viel reicher machen und das Ende von "unbebaut" bedeuten würde. Golfplätze, Resorts, Straßen, Promenaden sollen dort entstehen, wenn es nach dem Willen der möglichen Käufer geht.

          Die Brille vorn auf die Nase geschoben, denkt Matt im inneren Monolog, den wir als Voice-over hören (so was gibt es in allen Filmen von Alexander Payne, der ein großer Fan des klassischen Hollywoodfilms ist, wo dieses Mittel noch weniger verpönt war als heute), über sein Leben als Ehemann und Vater nach.

          Auch als Zweitbesetzung schlägt sich Clooney wacker

          Die Bilanz ist niederschmetternd. Seine beiden Töchter, die eine vor-, die andere nachpubertär, was er beides erst jetzt zur Kenntnis nimmt, kennt er kaum vom Sehen, und seiner Frau schuldet er einige ehesinnstiftende Gespräche. Er ist, so sieht er das selbst, die elterliche Zweitbesetzung, die Reserve, die jetzt zum Einsatz kommt. Dass er schnell vom Liebhaber seiner Frau erfährt, für den sie ihn verlassen wollte, überrascht ihn mehr, als man das nach seinen eigenen Überlegungen für möglich hält. Matt jedenfalls hat jetzt einiges zu tun. Er muss mit seinen Töchtern (Shailene Woodley spielt die ältere Alexandra reif, manchmal verletzlich, oft genervt,

          Amara Miller die jüngere Scottie mit komischem Talent und angemessenem Trotz) durch die Tage kommen, sie auffangen, ihre Macken erdulden. Alexandra erklärt einen alten Freund, den meist bekifften Sid (sehr witzig in seiner bedröhnten Gemütlichkeit: Nick Krause), quasi zum Familienmitglied, und so trotten die vier vom Krankenhaus auf eine benachbarte Insel, wo sie Mutters Liebhaber aufspüren, der seinerseits verheiratet und Immobilienmakler ist. Und der als solcher einiges Interesse daran hat, dass der Immobilienhandel zustande kommt, an dem auch er prächtig verdienen würde.

          Matt muss sich aber auch von seinem Schwiegervater (Robert Forster) die Schuld für den Unfall seiner Frau in die Schuhe schieben lassen, mit seinen Cousins streiten, an seinen Freunden zweifeln und sich selbst ins Gesicht sehen: einem Mann im mittleren Alter, der außer einer Menge Geld erst mal nicht viel zu bieten hat. So wechselt die Stimmung in diesem Film fast von Szene zu Szene, was ungefähr der Komplexität der Situation entspricht.

          George Clooney, der schon in „O Brother Where Art Thou“ der Brüder Coen einen aufrechten Sprintstil geübt hat, der hier wieder zum Einsatz kommt und zeigt, dass dieser zum Brüllen gutaussehende Schauspieler vor keinem Witz auf eigene Kosten zurückschreckt, ist für seine Darstellung des Matt King gerade für einen Oscar nominiert worden. Alexander Payne als Regisseur auch und der ganze Film sowieso.

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