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Video-Filmkritik: „Abbitte“ : Tragödie von Liebe, Verleumdung und Tod

Bild: Universal

Ian McEwans Roman von 2001 war ein Welterfolg. Joe Wright hat „Abbitte“ nun mit Keira Knightley in der Hauptrolle texttreu in ein filmisches Puzzle verwandelt, das jedoch zunehmend an Kraft verliert: Es ist alles schön anzuschauen, aber vieles hat fast gar nichts zu bedeuten, meint Andreas Kilb.

          Immer, wenn es ernst wird in diesem Film, geht er ans Wasser. An den Brunnen im herrschaftlichen Park, an dem sich zwei Jugendliche treffen, die bald ein Liebespaar sein werden. An die Kanalküste bei Dünkirchen, wo die geschlagene britische Armee auf ihre Rettung vor den herannahenden deutschen Truppen wartet.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          An den Wildbach, in den sich ein zehnjähriges Mädchen stürzt, um von einem älteren Jungen gerettet zu werden. An die Kreidefelsen von Dover, unter denen das Liebespaar, das keines sein durfte, seinen letzten Sommer verbringt. Im Wasser findet der Film „Abbitte“ seinen Halt, und das Wasser trägt ihn voran, über die Zeitsprünge hinweg, die in seiner Handlung klaffen wie Spalten in einem Gletscherfeld.

          Zwielicht der Fiktion

          Ian McEwans Roman von 2001 war ein Welterfolg. Das hat die Verfilmung, die jetzt ins Kino kommt, unvermeidlich, aber die Geschichte, die das Buch erzählt, nicht einfacher und kinogerechter gemacht. Genau genommen ist „Abbitte“ nämlich kein Roman, sondern ein Mobile literarischer Formen: zuerst eine lange, atmosphärisch dichte Novelle, die im England der dreißiger Jahre spielt und nach der Hälfte des Buchs zu Ende ist; dann ein zweigeteilter Epilog, der fünf Jahre später einsetzt; und schließlich ein Sprung über ein halbes Jahrhundert hinweg in eine Rahmenhandlung, durch die alles, was wir bis dahin erfahren haben, in ein neues Licht gerät - ins Zwielicht der Fiktion.

          Denn eigentlich handelt „Abbitte“, diese Tragödie von Liebe, Verleumdung und Tod, vor allem vom Schreiben: von den Wunden, die es schlägt, den Wahrheiten, die es enthüllt, und den anderen, tieferen Wahrheiten, die es verbirgt. Ein Film, der diesem Roman gerecht werden will, müsste mit einer Schreibszene beginnen, um gleich zu zeigen, worum es geht. So denkt man.

          Eine obszöne Botschaft

          Und so haben es sich Joe Wright, der Regisseur, und sein Drehbuchautor Christopher Hampton wohl auch gedacht. Deshalb beginnen sie ihre Nacherzählung des Buches mit der Aufnahme einer Hand, die auf ein weißes Blatt Papier die Wörter „The End“ tippt. Das wiederkehrende Tackern der Schreibmaschine, mit der die dreizehnjährige Briony Tallis (Saoirse Ronan) ihr erstes Theaterstück geschrieben hat, hält die bessere Hälfte dieses gut zweistündigen Films zusammen. Es ist das Gegenmotiv zur romantischen Wassermetaphorik: das Schreibgeräusch als Bruchstelle im großbürgerlichen Idyll. Wer tippt, kann sich vertun, so wie Robbie Turner (James McAvoy), der Sohn der Haushälterin der Familie Tallis, der mit Cecilia (Keira Knightley), der älteren Schwester Brionys, auf die Universität gegangen ist und ihr nun einen Liebesbrief schreibt. Er schreibt mit der Hand: lange, sehnsüchtige, den Klassenunterschied wegträumende Sätze. In die Maschine aber hackt er, nebenbei und zum Spaß, eine Botschaft, die sein Begehren auf gröbstmögliche Weise zusammenfasst; und es ist dieser obszöne Brief, der in den Umschlag gelangt, mit dem Robbie Briony zu ihrer Schwester schickt. Zwei Zeilen auf weißem Papier lösen in „Abbitte“ die Katastrophe aus. Der Rest ist Mechanik und Psychologie.

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