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Video-Filmkritik: „Vice“ : Ohne Gewissen hinter den Kulissen

  • -Aktualisiert am

Bild: Universum Film

Shakespeare in Amerika geht anders: Die Politsatire „Vice“ über den Politiker Dick Cheney ist exzellent besetzt, ideenreich inszeniert und wird nie langweilig. Doch eine Frage bleibt offen.

          4 Min.

          Richard Bruce „Dick“ Cheney war Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika in den acht Jahren unter George W. Bush, die durch die Anschläge vom 11. September 2001 und durch den Krieg im Irak geprägt waren. Das Team, das Bush um sich versammelt hatte, besitzt insgesamt nicht die beste Reputation, was sich auch im Kino widerspiegelt: Donald Rumsfeld wurde von dem Dokumentaristen Errol Morris in die Mangel genommen („The Unknown Known“), Michael Moore nahm sich 2004 in „Fahrenheit 9/11“ die ganze Administration kritisch vor, und auch in vielen Spielfilmen bildet das Oval Office unter George W. Bush mit Außenminister Colin Powell, der Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice und eben mit Dick Cheney eine Zelle menschenverachtender Politik.

          Dass Cheney nun, in der Ära von Donald Trump und seinem evangelikalen Stellvertreter Mike Pence, noch einmal die zweifelhafte Ehre eines satirischen Spielfilms widerfährt, ist aber doch überraschend – eigentlich hat die Welt ja längst andere Sorgen. Und doch fand der Regisseur Adam McKay die Figur Cheney interessant (und relevant) genug, um ihm ein Biopic zu widmen: eine filmische Lebensdarstellung, bei der allerdings von Beginn an deutlich ist, dass ihr eigentliches Ziel ist, Cheney so richtig in Misskredit zu bringen.

          Dabei dient ein Aspekt seiner politischen Karriere als Freibrief für die Erzählung: Cheney ist ein Mann, der Geheimnisse liebt. Der Film „Vice“ beruft sich also darauf, eine wahre Geschichte um das zu ergänzen, was die Historiker vielleicht eines Tages in heute noch unzugänglichen Aufzeichnungen finden werden – Gesprächsnotizen, Reflexionen, Tagebücher aus den innersten Zirkeln der Macht. Vorerst muss das alles aber durch Fiktion ersetzt werden, durch „szenische“ Ausfaltung von Vorgängen, von denen wir nur das Ergebnis kennen. So sitzen einander dann Cheney und George W. Bush gegenüber, der eine hat einen Plan (er will so viel Macht wie möglich für einen „mostly symbolic job“), der andere hat keinen Plan und isst Backhähnchen. Bis der Knochen abgenagt ist, hat Cheney sich die wesentlichen Befugnisse gesichert, vor allem eine Außenpolitik, mit der sich gute Geschäfte machen lassen.

          Ein Takt, dem sich die politische Vernunft beugen muss

          Adam McKay ist eigentlich ein Spezialist für Komödien. 2008 hatte er mit „Stiefbrüder“ einen Hit mit Will Ferrell und John C. Reilly, die schon in „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ famos zusammengespielt hatten. 2015 brachte McKay aber einen Film heraus, mit dem er einen neuen Typus des politischen Kinos prägen wollte: „The Big Short“ hatte die Finanzkrise von 2008 zum Thema und erzählte die Geschichte der knapp abgewendeten Kernschmelze des weltweiten Geldsystems als eine Art Tatsachenkomödie. Steve Carell spielte damals einen Investor, der auf die Entwertung der Schuldpapiere setzte, mit denen das Chaos 2008 so richtig begann.

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